In Kolumbien hält der bewaffnete Konflikt zwischen den verschiedenen Akteuren an. Einige dieser Akteure sind alte Bekannte unter neuem Namen. Vor allem haben wir es im Cauca mit den Guerillaorganisationen der dissidentischen FARC-EP, dem ELN, aber auch paramilitärischen Gruppen und natürlich den staatlichen Sicherheitskräften zu tun. Kehrte kurz nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens im September 2016 etwas Ruhe in die Region Cauca ein, die vor allem durch indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften geprägt ist, nimmt die Intensität der kriegerischen Auseinandersetzungen in den letzten Monaten stark zu.
Vor allem ist es nun ein Krieg um die politische, soziale und wirtschaftliche Deutungshoheit im Cauca. Nachdem das ELN mit der Struktur José Maria Becerra versuchte, nach der Waffenniederlegung der FARC-EP im Rahmen des Friedensabkommens, hier vor allem der 6. Front und der mobilen Kolonne Jacobo Arenas, weitestgehend die Kontrolle im Süden zu erlangen, formierten sich neue „alte“ Strukturen der ehemaligen FARC-EP neu. Aktuell dreht sich der Konflikt um die Region Micay.
Die dissidentischen Strukturen der FARC-EP haben es hier vermutlich geschafft, ein sogenanntes Comando Coordinador de Occidente, ein Westliches Koordinationskommando, zu schaffen. Es beinhaltet die Koordination der alten Strukturen der FARC-EP mit den in den letzten Jahren neu formierten Strukturen. Bekämpfte man sich zuletzt noch gegenseitig um die Vorherrschaft und Kontrolle, so soll nun seit diesem Jahr ein gemeinsames Kommando bestehen. Es besteht wohl derzeit aus den drei mobilen Kolonnen: Jaime Martínez, Dagoberto Ramos und Franco Benavides sowie den drei Fronten: Carlos Patiño, Ismael Ruiz und Rafael Aguilera.
Zu beobachten ist die Koordination vor allem dadurch, dass die mobilen Kolonnen Dagoberto Ramos und Jaime Martinez aus dem Norden des Cauca, nun auch die Strukturen im Süden, wie die Front Carlos Patiño unterstützen. Sie gehen dabei äußerst gewalttätig vor, so dass Indigene und schwarze Gemeinschaften schnell in die Schusslinie geraten. Konflikte gibt es hierbei um die Territorien, denn die Strukturen der FARC-EP sind in indigenen Gebieten aktiv. Auch die Festnahme von Kämpfern der FARC-EP durch die Indigene Schutztruppe führt zu tödlichen Konflikten. Der Anbau von Koka, von Strukturen der FARC-EP gefördert, von Indigenen eher abgelehnt, erhöht den Dissens.
Bisher kann bei dem Westlichen Koordinationskommando noch von keiner sehr großen politischen Orientierung gesprochen werden. Im Moment geht es um die Sicherung des Territoriums gegen andere bewaffnete Akteure und um die Einnahmen aus den illegalen Geschäften. So gibt es derzeit keine Zusammenarbeit mit den Strukturen der FARC-EP, Zweites Marquetalia unter Iván Márquez, Jesús Santrich, El Paisa und Romaña. Auch die Dissidenten unter Gentil Duarte, operierend im Caquetá, Meta und Guaviare, werden abgelehnt.
Ein einheitliches Kommando aller sich unter dem Namen FARC-EP subsummierenden Strukturen ist also nicht nur in Kolumbien allgemein, sondern vor allem im Südwesten Kolumbiens, ein unmögliches Unterfangen. Walter Mendoza, ehemaliger Kommandant der FARC-EP im Zentralen Generalstab und Kenner des Cauca, heute tätig für die Guerilla des Zweiten Marquetalia, ist hier mit dem Aufbau von Strukturen im Südwesten vertraut, hat hier ein schwieriges Unternehmen. Trotzdem versucht die wohl am politischsten agierende Struktur der FARC-EP (Zweites Marquetalia) immer wieder durch Erklärungen und mittels Abgesandter Fuß zu fassen. Interessant ist ein Schlichtungsversuch bzw. eine Erklärung, die sich an den historischen Abkommen der FARC-EP mit den Indigenen orientiert, aber gleichzeitig politisch in die Bevölkerung wirken soll. Es ist hiermit dokumentiert:
An das Volk im Cauca
Aus den Tiefen unseres revolutionären Bewusstseins erheben wir im Namen der FARC-EP, Zweites Marquetalia, erneut unsere Stimme, um das Ende der Barbarei in Cauca zu fordern, ein Departement meist guter Menschen, mit einem Lebensprojekt, das die Menschheit unter der Hautfarbe pulsiert. Unsere Wertschätzung und Rücksichtnahme gelten den indigenen Völkern, schwarzen Gemeinschaften und für die weißen und gemischte Bevölkerung im Südwesten.
Wir werden von all den Toten verletzt, die durch die Irrationalität dunkler wirtschaftlicher Interessen niedergeschossen wurden, die denken, dass alles mit Schießen gelöst werden muss. Wir trauern um das indigene Volk, die sozialen Führer und Führerinnen und die ehemaligen Kämpfer der Partei der Rose, die von bewaffneten Akteuren getötet wurden. Und wir werden auch durch den Tod dieser Menschen verletzt, die die Uniform der Aufständischen tragen und die Uniform der Armee. Auf unbewaffnete Indigene zu schießen, die nur einen Stab haben, hat keine Darstellung, keine Rechtfertigung. Das muss aufhören. Jeder ungerechte Tod ist eine Aussaat von Zwietracht und Ressentiments. Wir fordern, dass der Staat und seine Geheimdienste den Mord und seine absurde Strategie, Konfrontationen in der Region zu beflügeln, beendet.
Die Guerilleros des Zweiten Marquetalia schlagen Dialog und Verständnis als die klügste Ressource vor, um Cauca wieder Normalität und Ruhe zu bringen. Inspiriert von dem historischen Abkommen, das von den indigenen Führern und den Kommandeuren der FARC, Manuel Marulanda Vélez und Jacobo Arenas, unterzeichnet wurde, sind wir bereit, Erfahrungen beim Aufbau eines neuen Pakts für die Koexistenz mit der indigenen Führung zu sammeln, der seine Vorteile auf die schwarzen Gemeinschaften der Pazifikküste ausdehnt.
Wir schlagen vor, in Popayán ein großes Event des Friedens zu fördern, ein Forum des Wiedersehens, das in seinen Schlussfolgerungen die Verpflichtung gibt, im Südwesten Kolumbiens eine Macht, eine Kraft menschlicher Gefühle, eine Energie des Friedens und des würdevollen Lebens zu gestalten, dass durch seine bloße Anwesenheit die Absichten der Feinde der Eintracht entmutigt werden und ein sehr aktiver Faktor bei der Suche nach einem großen nationalen politischen Abkommen für die Bildung einer neuen Regierung demokratischer Koalition wird, die Kolumbien Frieden, umfassende politische Reformen und soziale Gerechtigkeit garantiert.
FARC-EP, Zweites Marquetalia
20. April 2020
Die Partei FARC hat auf ihrer Webseite eine Liste veröffentlicht, die alle Friedensunterzeichner*innen, also ehemaligen FARC-Kämpfer*innen, dokumentiert, die seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der FARC-EP und der kolumbianischen Regierung ermordet wurden. Es ist das Zeugnis eines systematischen Massenmordes mit nun fast 200 getöteten Personen.
Am gestrigen Montag, den 20. April, warnten in Kolumbien eine Reihe von Hochschullehrenden und Forschern aus den Bereichen Strafrecht, Kriminologie und Kriminalpolitik in verschiedenen Hochschuleinrichtungen des Landes vor der Schwere des Gefängnisnotstands und der Menschenrechte, die in kolumbianischen Gefängnissen aktuell sind.
Kommuniqué der Partei FARC mit der Solidarität für die politischen und alle anderen Gefangenen in Kolumbien:
Am 26. März 2020 wurde die zweite Mission der Überprüfung des Friedensabkommens der Vereinten Nationen (UN) in Kolumbien einen Bericht des Generalsekretärs an den Sicherheitsrat über das gesendet, was die Überprüfungen der Umsetzung des Friedensabkommens in Kolumbien machten. Darin wird festgestellt, dass die FARC ihr Engagement zum Frieden und zum Nutzen aller Kolumbianer beizutragen und generell die Bemühungen zur Einhaltung der Vereinbarungen eingehalten hat. Doch auch die Sicherheitslage wird unter die Lupe genommen.
Die Zahlen stehen für sich. Laut der Partei FARC sind nun bereits 194 ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer der FARC im Wiedereingliederungsprozess seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens getötet worden. Davon nun schon 20 in diesem Jahr. Zuletzt traf es die FARC-Mitglieder José Isidro Cuestas Ricas, am 29. März in Jiguamiandó (Provinz Chocó), Juan Carlos Castillo Certijama am 30. März in Puerto Asís (Provinz Putumayo) und Carlos Alberto Castillo, der am vergangenen Freitag, dem 3. April, gegen 10 Uhr morgens in seinem Haus in der Provinz Tolima aufgelauert und ermordet wurde. Einige Zeugen gaben an, dass mindestens 5 schwer bewaffnete Männer zu ihm nach Hause kamen, ihn herausholten und ihn in einem nahe gelegenen Waldgebiet mit 3 Kugeln in den Kopf erschossen.
Wir werden immer wieder mal gefragt, warum wir so unterschiedlich und vor allem strömungsübergreifend berichten, wenn es um die ehemalige FARC-EP geht. Eine komplexe Erklärung gibt es von uns nicht, sondern nur dies hier:
Nachfolgend dokumentieren wir ein Kommuniqué der FARC-EP – Zweites Marquetalia, geschrieben duch den Kommandierenden Aldinever Morantes, zur militärischen Operation der Streitkräfte gegen Bauern, was Kolumbieninfo bereits am 28. Februar thematisierte.
Es nähert sich der 26. März, ein Tag, den die aufständische Bewegung zum Tag des universellen Rechts der Völker auf den bewaffneten Aufstand deklariert hat. Warum ist so ein Tag mit diesem thematischen Hintergrund wichtig?
In Kolumbien ist es nach Protesten zu zahlreichen Aufständen in den Gefängnissen gekommen. Die Gefangenen befinden sich in sehr prekären Situationen, es gibt eine starke Überbelegung, eine ungenügende Nahrungsmittelversorgung und zudem kaum Zugang zum Gesundheitssystem. Durch die Ankündigungen im Rahmen der Eindämmung des Corona-Virus, keine Besuche mehr zuzulassen und durch den ungenügenden Schutz, wurde durch die Nationale Gefängnisbewegung der Protest erklärt. Die Besuche von Familien und Freunden mit der Lieferung von Lebensmitteln, Kleidung und anderen Dingen ist für viele im Gefängnis lebensnotwendig, aufgrund der ungenügenden Versorgung durch die staatliche Gefängnisverwaltung (INPEC).
Andrés París gilt als einer der größten Kritiker der aktuellen Partei FARC, aus der er als ehemaliger Kommandant selbst kommt. In dem Interview [1] erfahren wir etwas über den anderen Weg der Wiedereingliederung, abseits der Parteirichtlinie wie Ecomún, sowie über den Zustand der Partei, die aus der ehemaligen Guerilla FARC-EP im Rahmen des Friedensabkommens entstand und welches nur geringfügig umgesetzt wird.
Übersetzung eines Kommuniqués von Einheiten der FARC-EP, Zweites Marquetalia, unter dem Kommando von Oscar Montero alias El Paisa in den Gebieten von El Pato: