Studie zur Situation in Provinz Arauca

Die Provinz Arauca war Anfang des Jahres von einem schweren bewaffneten Konflikt zwischen Akteuren betroffen, der immer noch weiter schwelt. Zudem herrscht eine kritische humanitäre Situation, die auf eine erhebliche Eskalation der Gewalt zurückzuführen ist, die die Bevölkerung betrifft. Dazu hat die Stiftung Pares eine kurze Studie zur aktuellen Situation veröffentlicht.

Wichtig ist es demnach, den erbitterten Krieg hervorzuheben, der sich zwischen den bewaffneten Strukturen, die auf dem Territorium operieren, hervorzuheben. Dies betrifft auf Seiten der FARC-EP die 10. und 28. Front sowie die Strukturen der Nationalen Befreiungsarmee (ELN). Gerade zu Beginn des Jahres 2022 war Arauca aufgrund der zahlreichen Morde im Grenzgebiet zwischen Arauca und Venezuela das Epizentrum der Gewalt und das Thema in den Nachrichten. So vor allem die Morde, bei denen nach Angaben des Verteidigungsministeriums die Hauptopfer Mitglieder der FARC-EP und Mitglieder der ELN waren, mit insgesamt 27 Morden in den ersten Tagen dieses Jahres.

Zudem gab es in den ersten 100 Tagen in der Provinz insgesamt 12 Vorfälle von Entführungen, gefolgt von Sprengstoffanschlägen (9) und bewaffneten Konfrontationen (5). Die häufigste Gewalt in Arauca waren Morde, da bis April insgesamt 159 Fälle gemeldet wurden, wobei der Januar mit insgesamt 65 Morden am gewalttätigsten war. Beim Vergleich der ersten vier Monate mit dem Jahr 2021 ist ein durchschlagender Trend der mörderischen Gewalt in der Provinz festzustellen, der darauf hindeuten kann, dass 2022 sicherlich das gewalttätigste des letzten Jahrzehnts, also seit 2012, sein wird. In dem Jahr, also 2012, begannen die Friedensverhandlungen der Regierung mit der FARC-EP.

In Bezug auf die am stärksten von der Eskalation der Gewalt betroffenen Gemeinden sind Saravena mit insgesamt 71 Tötungsdelikten betroffen, gefolgt von Arauquita mit 29 und Tame mit 26. Das zeigt, dass die Gemeinde Saravena weiterhin am stärksten von der Eskalation betroffen ist und hier die territorialen Kämpfe zwischen FARC-EP und ELN eine große Rolle spielen. Neben der Tötung von acht sozialen Anführern sind auch die Zwangsvertreibung eine der alarmierenden Formen der Gewalt. Mit einer Zahl von 1.120 Personen im Januar und 2.400 im Februar weist die Ombudsstelle darauf hin, dass dieses Phänomen größtenteils auf die bewaffneten Konflikte in Arauca sowie im Grenzgebiet zu Venezuela zurückzuführen ist.

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Ein linker Präsident in Kolumbien

In Kolumbien wurde in der Nacht mit Gustavo Petro das erste Mal ein linker Präsident in der jüngeren Geschichte des Landes gewählt. Auch wenn wir mit dem Begriff „links“ nicht gleich einen Systemwandel in Kolumbien vermuten – immerhin hat Gustavo Petro auch eine neoliberale Agenda – so gibt es in der Politik jedoch andere Ansprüche an das politische Regieren und in der Auseinandersetzung, als sein Gegenkandidat, der als Frauenhasser, Nazianhänger und korrupter Politiker alles andere als progressiv ist. Auch für die Umsetzung des Friedensprozesses, das Einbinden von populären und linken Organisationen sowie perspektivische Gespräche mit den aufständischen Bewegungen steht Gustavo Petro, selbst einmal Mitglied der Guerilla M-19, für eine andere Politik, die etwas mehr Hoffnung bringt.

Die vorläufigen Ergebnisse der Wahlauszählung des kolumbianischen Nationalregisters zeigen, dass Gustavo Petro vom Historischen Pakt der neue gewählte Präsident ist, nachdem er seinen Gegner Rodolfo Hernández von der Liga der Gouverneure gegen Korruption bei der Stichwahl besiegt hat. Nach dem Gewinn der Präsidentschaftswahlen in Kolumbien wandte sich der Kandidat Gustavo Petro in seiner ersten Rede als gewählter Präsident an seine Landsleute: „Dieser Tag, der zweifellos historisch ist, ist Geschichte, was wir in diesem Moment schreiben für Kolumbien, für Lateinamerika, für die Welt, eine neue Geschichte, denn was hier heute passiert ist, mit diesen 11 Millionen männlichen und weiblichen Wählern, ist zweifellos eine Veränderung“, sagte er.

In seiner Rede und seinem Politikansatz verweist er auf drei spezifische Achsen: Frieden, soziale Gerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit. Der neu gewählte Präsident erklärte, seine Regierung setze auf ein „großes nationales Abkommen zur Friedensschaffung“, bei dem die kolumbianische Gesellschaft „mehr Möglichkeiten“ habe. „Wir werden die Macht nicht einsetzen, um den Gegner zu vernichten, das bedeutet, dass wir uns selbst vergeben“, versicherte er und lud auch seine Gegner zu seiner neuen Regierung ein. Mit Francia Márquez wird es zudem eine afrokolumbianische Vizepräsidentin geben, die sich im Cauca für Frieden und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hat. Sie stand in einem permanenten Konflikt mit der aufständischen Bewegung vor Ort, da sie sich klar gegen Krieg und Ausbeutung positionierte.

Bisher gibt es keine wesentlichen Meldungen über den Wahlvorgang aus den verschiedenen Regionen, die auch im Kontext des bewaffneten Konfliktes stehen. Einzig aus San Vicente del Caguán in der Provinz Caquetá, ein Epizentrum der FARC-EP, wurde ein Angriff auf eine Armeeeinheit gemeldet, wobei ein Soldat dabei. Zwei Personen, vermutlich von der 40. Front der FARC-EP „Jorge Briceño Suárez“, töteten den Soldaten. Dies kann jedoch auch im Zusammenhang mit den zuletzt erfolgten Angriffen und Liquidierungen der staatlichen Sicherheitskräfte auf Kommandierende der Guerilla stehen. Es wird generell interessant sein, wie sich nun die Politik zwischen Regierung und den aufständischen Bewegungen, beziehungsweise auch deren Positionierungen, darstellen werden.

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Nächster Kommandant der FARC-EP getötet

Die aufständische Bewegung muss den nächsten schweren Schlag gegen die Kommandoebene hinnehmen. Bei Kämpfen der Guerilla mit den staatlichen Sicherheitskräften in der Gemeinde Suárez, Provinz Cauca, wurde gestern der Tod von Leider Yohani Noscué, alias Mayimbú, bestätigt. Er war seit Januar, seit dem Tod von alias Jhonier, der oberste Kommandierende des Westlichen Koordinationskommando der FARC-EP im Südwesten, vor allem In Valle del Cauca, Cauca, und Nariño. Dabei handelt es sich um insgesamt 12 Strukturen mit rund 1800 Personen unter Waffen. Diese Strukturen sind mit Iván Mordisco und seinen Strukturen im Osten des Landes alliiert und führen einen Krieg um die Hoheit in den Territorien gegen ELN und FARC-EP, Zweites Marquetalia.

Mit dem Tod von Jhonier (Euclídes España Caicedo) im Januar dieses Jahres hatte Mayimbú das Oberkommando über die starken Strukturen im Südwesten erhalten. Mayimbú, geboren im Jahr 1991, begann seine Laufbahn in der aufständischen Bewegung schon in einem jungen Alter von gerade einmal 12 Jahren, als er operative Aufgaben als Milizionär übernahm. Mit dem Mindesteintrittsalter von 15 Jahren war er dann Mitglied der FARC-EP in der 6. Front, die auch in seinem jetzigen Gebiet im Cauca operierte. Vor seinem Oberkommando war er der Kommandierende der mobilen Kolonne Jaime Martínez, die in den Gemeinden Suárez und Buenos Aires operiert.

Das Westliches Koordinationskommando (Comando Coordinador de Occidente) ist eine Konföderation von Guerillafronten im Westen, die nach 2018 entstanden sind. In der letzten Zeit konnten sie ihren Einfluss enorm ausdehnen und bekämpften neben dem Staat und paramilitärischen Gruppen auch das ELN und die wenigen Strukturen der befeindeten FARC-EP, Zweites Marquetalia. Zum Westlichen Koordinationskommando gehören unter anderem die Front Carlos Patiño, die mobile Kolonne Jaime Martínez, die mobile Kolonne Dagoberto Ramos, die Front Rafael Aguilera sowie Fronten Adán Izquierdo, Franco Benavides und Urías Rondón.

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Angriff der FARC-EP mit zivilen Opfern

Bei einem Angriff mit einem Sprengsatz der FARC-EP auf eine Patrouille der Polizei in der Gemeinde Cartagena del Chairá in der Provinz Caquetá hat mindestens vier Todesopfer, alles Zivilisten, versursacht. Am Freitag explodierte am Vormittag eine Bombe in der ländlich geprägten Region im Süden Kolumbiens, die Schäden und zivile Opfer, darunter ein Kind, verursachte. Die Gegend ist eine Hochburg der Guerilla. Der Bürgermeister der Kleinstadt musste diese im Februar 2021 wegen Morddrohungen seitens der Guerilla verlassen.

In der Region um Cartagena del Chairá sind zwei starke Strukturen der FARC-EP aktiv, darunter die 40. Front „Jorge Briceño“ und die 62. Front „Miller Perdomo“. Alle Strukturen stehen unter dem Kommando des Oberkommandierenden Iván Mordisco, der die Führung nach dem Tod von Gentil Duarte übernommen hat. In der vergangenen zwei Wochen gab es eine Häufung an militärischen Aktivitäten der Guerilla gegen die staatlichen Sicherheitskräfte, die als Rache für den Tod an Duarte gewertet werden können.

Unterdessen gibt es Meldungen, dass bei einer Militäroperation der Armee im Nordwesten der Provinz Antioquia der Kommandierende der 36. Front Ricardo Abel Ayala Ortega alias Cabuyo getötet wurde. Diese Front sowie die 18. Front der FARC-EP in Antioquia waren mit der FARC-EP, Zweites Marquetalia, um Iván Márquez alliiert. In der letzten Zeit häuften sich die Meldungen über Aktionen gegen Kommandierende der verschiedenen Strukturen der Guerilla. Mit Cabuyo fällt damit eine weitere Person aus einer Kommandoebene, obgleich die 36. Front zuletzt kaum durch große Aktivitäten auffiel.

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FARC-EP erkennt Mord an Gentil Duarte an – Angriffe der Guerilla

In einem Kommuniqué des Zentralen Generalstabs der FARC-EP vom 30. Mai erkennt die Guerilla den Tod ihres ermordeten Kommandierenden Gentil Duarte an. Dabei wird Wert daraufgelegt, dass es nicht nur ein schwerer Schlag gegen die FARC-EP ist, sondern aufgrund der 41jährigen Erfahrung in der aufständischen Bewegung ein Schlag gegen alle Guerillas auf nationaler und internationaler Ebene. Gentil Duarte gehörte zu jenen Personen, die den mobilen Guerillakrieg perfektionierten, so das Kommuniqué.

„Der Zentrale Generalstab der FARC-EP grüßt herzlich und brüderlich das ganze kolumbianische Volk, alle Revolutionäre in der Welt, populäre und soziale Organisationen, progressive Parteien, Gewerkschaften, Studierende, Arbeitende, Frauen und Männer im Allgemeinen, unsere Guerilla-Einheiten im gesamten ausgebreiteten nationalen Territorium, Bolivarischen Milizen, die Zellen der PCCC, Bolivarische Bewegung für das Neue Kolumbien, an unsere politischen Gefangenen und an jeden, der bereit ist, gegen die ungerechten Irrtümer an jedem Ort der Welt zu kämpfen.

Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der kolumbianische Staat zusammen mit der Botschaft der Vereinigten Staaten am 4. Mai um 1:30 Uhr unter Ausnutzung des schmutzigen Krieges und auf niederträchtige Weise unser Kommandanten und Kamerad Gentil Duarte, feige ermordet wurde, während er mit seiner Partnerin in seinem Bett schlief (…)“ heißt es im Kommuniqué.

In dem Kommuniqué gibt es allerdings keinen Hinweis darauf, dass Iván Mordisco der neue Oberkommandierende ist. Allerdings hatte er bereits vor Tagen in einer Mitteilung an die Einheiten der Guerilla seine Befehlsgewalt kundgetan. Auch die verfeindete Guerilla ELN meldete sich zu Wort und gab bekannt, dass sie nichts mit dem Tod des Oberkommandierenden zu tun haben. Als Antwort auf den Mord an den Oberkommandierenden Gentil Duarte gab es mehrere Angriffe der Guerilla, vor allem im Südosten des Landes, wo die FARC-EP auch ihre Bastion hat. Die Angriffe ereigneten sich trotz eines zuvor am 24. Mai erlassenen einseitigen Waffenstillstandes im Zuge der Präsidentschaftswahlen.

So fanden Angriffe in den Provinzen Caquetá, Guaviare und Meta statt. Besonders im Fokus waren die Gemeinden Cartagena del Chairá, Caquetá, die Gemeinde San José del Guaviare in der gleichnamigen Provinz sowie in La Macarena und Vistahermosa in der Provinz Meta. Dabei gab es Verletzte auf Seiten der staatlichen Sicherheitskräfte, die im Mittelpunkt der Angriffe standen.

Während der Präsidentschaftswahlen konnte der fortschrittliche Kandidat Gustavo Petro zwar im ersten Wahlgang gegenüber den anderen Kandidaten gewinnen, doch in der notwendig gewordenen zweiten Runde kann Rodolfo Hernández, der von den Rechten unterstützt wird, rechnerisch die Mehrheit erlangen. Zuvor betonte die FARC-EP bereits im Kommuniqué zum Waffenstillstand: „Wir laden das gesamte kolumbianische Volk ein, für die Kandidaten zu stimmen, die bewiesen haben, dass sie dem Regime entgegentreten und mit voller moralischer und ethischer Autorität echte und programmatische wesentliche Veränderungen vorschlagen.“

Und weiter: „Das kolumbianische Volk zeigte seine Entscheidung zum Wandel während der gewaltigen und kämpferischen Demonstrationen im Zuge des nationalen Streiks im Jahr 2021. Das war eine tägliche Botschaft an die rückwärtsgewandte Oligarchie, wozu ein Volk, das des Elends, des Hungers und der Rückständigkeit überdrüssig ist, die uns der kolumbianische Staat unterworfen hat.

Die FARC-EP, die sich keiner Vereinbarung über Täuschung und Verrat unterworfen hat, setzt ihre Überzeugung fort, unblutige Lösungen zu suchen, die der großen Mehrheit echte Lösungen bieten. In diesem Sinne begleiten wir alle Bürger, um bei den Wahlen noch einmal zu zeigen, dass ihr Wunsch nach Veränderung und einer vielversprechenden Zukunft für alle Kolumbianer uns nicht aufhalten kann.“

Somit bleibt es auf politischer Ebene weiterhin interessant. Zum einen, wie die Guerilla den Wechsel ihres Oberkommandierenden vollziehen wird, der vor allem charakterlich und aufgrund seiner Kampferfahrungen eine schillernde Figur war. Zum anderen auch, ob es einen politischen Machtwechsel gibt und wenn nicht, ob es dann Auswirkungen auf die politisch-militärische Arbeit der Guerilla hat, wenn es grundlegendes Potenzial der unzufriedenen Menschen im Land gibt, aufgrund eines gescheiterten politischen Neuanfangs.

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Fehde zwischen Blutsbrüdern

Miguel Botache Santillana alias „Gentil Duarte“ war der Oberkommandierende der FARC-EP und hatte, zumindest in Großteilen des Landes, die mächtigsten militärischen Strukturen. Bei einem Angriff, sehr wahrscheinlich von den konkurrierenden Guerillabewegungen ELN und FARC-EP, Zweites Marquetalia, durchgeführt, wurde er Anfang Mai in Venezuela im Bundesstaat Zulia getötet. Sein Tod ereignete sich auf ähnliche Weise wie die von anderen Guerillaführern, darunter die Jesús Santrich, El Paisa und Romaña. Die letztgenannten drei gehörten jedoch der FARC-EP, Zweites Marquetalia, an, die unter der Linie von Iván Márquez steht und mittlerweile mit dem ELN alliiert ist. Zwischen der FARC-EP unter Gentil Duarte, nun ist Iván Mordisco der Oberkommandierende, und der FARC-EP unter Iván Márquez herrscht ein erbitterter Kampf um politische Deutungshoheit und vor allem um die Kontrolle von Territorien in Kolumbien.

Der Kampf zwischen den ehemaligen revolutionären Bruderorganisationen wird also so erbittert geführt, dass gegenseitig die Guerilleros und ihre Kommandierenden ermordet werden, anstatt sich einem gemeinsamen Feind zu widmen. Aber zu tief sind die Furchen. Während es vor geraumer Zeit Gespräche zwischen beiden sich als Nachfolgeorganisationen der FARC-EP bezeichnenden Organisationen gab, sind diese in einer Fehde geendet. Wie wir bereits berichteten, gab es erfolgslose Gespräche zum Zusammenführen beider Organisationen, doch zu unterschiedlich waren die Vorstellungen und Erwartungen beiderseits. Iván Márquez wurde von der einen Fraktion als Verräter der revolutionären Organisation angesehen, weil er im Friedensprozess der Verhandlungsführer war. Doch er wollte die Unterordnung der sich dem Friedensprozess entziehenden Gruppen unter Duarte und Mordisco an seine später gegründeten Strukturen des Zweiten Marquetalia, was diese jedoch ablehnten.

Die Fehde, ausgetragen in Kolumbien und im Nachbarland Venezuela, sorgt nun dafür, dass sich die aufständische Bewegung ihrer Führungspersonen entledigt. Der lachende Dritte ist der kolumbianische Staat mitsamt seinen Sicherheitsorganen. Auffallend sind die ähnlichen operativen Vorgehensweisen der Angriffe, über die es vor allem immer Spekulationen und wenig Fakten gibt. Nicht ganz ausgeschlossen ist ebenso eine Beteiligung kolumbianischer Kräfte oder zumindest das Weitertragen von Informationen aus den aufständischen Bewegungen heraus an kolumbianische Sicherheitskräfte. So wurde Gentil Duarte bereits am 4. Mai, nachdem er mit Sprengstoff angegriffen worden war, getötet. Unklar sind die Initiatoren. Es gibt Meldungen von einem Kommando des ELN, Meldungen von einem Angriff des Zweiten Marquetalia, aber auch eine kooperative Aktion.

Nun stehen sich also auf der einen Seite Iván Márquez, Kommandierender des Zweiten Marquetalia, und Iván Mordisco, Kommandierender der Strukturen um die 1.und 7. Front gegenüber, die sich frühzeitig von den Friedensverhandlungen unter Márquez lossagten. Die jüngsten Guerillakommandierenden, die in ähnlichen Umständen wie Gentil Duarte getötet wurden, waren Seuxis Pausias Hernández alias Jesús Santrich, Henry Castellanos Garzón alias Romaña und Hernán Darío Velásquez Saldarriaga alias El Paisa. Alle waren schillernde Kommandierenden in der alten FARC-EP und schließlich nach dem Scheitern des Friedensabkommens Mitglieder des Zweiten Marquetalia. Mit Gentil Duarte stirbt somit der vierte Anführer der sogenannten dissidentischen FARC-Gruppen innerhalb kürzester Zeit. Eine Annäherung der beiden verfeindeten Strukturen ist derzeit nicht zu erwarten, auch nicht aktuell, zum Jahrestag der Gründung der FARC-EP am 27. Mai in Erinnerung an die Operation Marquetalia im Jahr 1964.

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Kommandant Gentil Duarte getötet

Am gestrigen 25. Mai wurde der Tod von Miguel Botache Santillana, besser als „Gentil Duarte“, bekannt. Er war der Kommandant der FARC-EP und befehligte die größte Struktur in Kolumbien. Die ersten Informationen über den Tod von Gentil Duarte berichten über einen möglichen Angriff des ELN auf ein Lager der FARC-EP in der Gemeinde Jesús María Semprún im venezolanischen Bundesstaat Zulia. Eine ähnliche Version besagt, dass Anfang Mai die Sicherheit des Lagers der FARC-EP überrumpelt und Sprengstoff gezündet wurde. Dabei starb Gentil Duarte und mindestens drei weitere Guerilleros. Von mehreren Quellen wurde eine Nachricht bekannt, dass alias Iván Mordisco nun der Kommandierende der sieben Strukturen ist, die den selbsternannten Block „Jorge Briceño“ bilden.

Gentil Duarte hatte sein Operationszentrum der Strukturen im Osten des Landes und sein Herz war in der Provinz Guaviare. Daher gab es auch Spekulationen um seinen Aufenthalt und seinen Tod weit entfernt in Venezuela. Eine der Hypothesen könnte sein, dass er bei der Jagd der kolumbianischen Sicherheitsbehörden, vor allem bei der Operation der Polizei am 29. Juli 2021 in Agua Claro, Gemeinde San Vicente del Caguán, schwer verletzt wurde und sich wegen medizinischen Gründen in Venezuela befand. Es könnte auch eine Schutzmaßnahme sein, nach dem immer mehr Kommandierende ausgeschaltet worden sind, zuletzt zum Beispiel im Januar dieses Jahr im Westen des Landes Euclides España Caicedo alias „Jhonier“, der die Strukturen im Westlichen Koordinationskommando befehligte.

Der getötete Kommandant Gentil Duarte soll 56 Jahre alt geworden sein. Er stammte aus Florencia, Provinz Caquetá, und hatte rund 40 Jahre Erfahrung in der aufständischen Bewegung. Er stieg schnell innerhalb des ehemaligen Ostblocks der FARC-EP auf, seit er der 14. Front beigetreten war und schließlich die 7. Front befehligte. Als Kommandant dieser Front führte er vor allem Aktivitäten in der Gemeinde La Macarena in der Provinz Meta durch. Schnell gewann er das Vertrauen der Kämpfer und konnte über gute Kontakte zum ehemaligen Oberkommandierenden des Ostblocks, alias Mono Jojoy oder auch Jorge Briceño aufwarten. Zuletzt war er nicht nur Teil des Generalstabs des Ostblocks, sondern auch Mitglied des Zentralen Generalstabs der FARC-EP und wurde Teil des Verhandlungsteams der Guerilla im Zuge der Friedensverhandlungen im kubanischen Havanna.

Kurz nach der Ankündigung von Iván Mordisco, nicht mit seiner 1. Front am Friedensprozess teilzunehmen und stattdessen den bewaffneten Kampf fortzuführen, sendete man Gentil Duarte nach Kolumbien, um dieses Problem zu lösen. Nach seiner Ankunft im Land bot ihm die 1. Front jedoch an, Teil dieser ersten sogenannten Dissidentengruppe zu werden. Seit Ende 2016 schloss sich Gentil Duarte dann der neuen FARC-EP an und baute die Guerilla im ganzen Land mit unterschiedlichen Strukturen auf. Dabei wurde ihm Iván Mordisco sogar unterstellt. Seit dem ist es den Strukturen der FARC-EP unter Gentil Duarte gelungen, im Osten und Südosten die Hoheit gegenüber anderen Guerilla-Strukturen zu erlangen.

Mit der 1., 7., 28. und 62. Front ist die Guerilla besonders in Caquetá, Meta und Guaviare präsent. In der Provinz Arauca führt sie mit der 10. und 28. Front einen harten Kampf gegen ELN und FARC-EP, Zweites Marquetalia. Im Norden, in der Provinz Norte de Santander, ist sie mit der 33. Front unter alias „Jhon Mechas“ präsent. In der südlichen Provinz Putumayo gibt es Operationen mit der Front Carolina Ramírez. Auf der anderen Seite ist es der Linie um Gentil Duarte im Südwesten des Landes gelungen, sich durch das Westliche Koordinationskommando (CCO) zu konsolidieren und ihre Präsenz in einem großen Teil des Departements Cauca, im Norden von Nariño, im Süden und Osten von Valle de Cauca, sowie im Westen von Huila und Tolima auszubauen.

Mit Iván Mordisco gibt es zwar nun einen Kommandierenden, der Gentil Duarte wahrscheinlich gleichwertig ersetzen kann. Doch die Zukunft der Guerilla ist mehr denn je in unsicheren Bahnen, denn mit dem ELN und der FARC-EP, Zweites Marquetalia, unter Iván Márquez gibt es eine starke Allianz auf der anderen Seite, die enormen Druck auf bestimmte Territorien auslösen. Es wird für neuen Zündstoff sorgen, wenn sich bestätigt, dass beide zusammenarbeitende Gruppen am Tod von Gentil Duarte beteiligt waren. Auf der anderen Seite sind die Strukturen der FARC-EP unter Iván Mordisco zumindest im Südosten so gefestigt, dass ihnen so schnell keine andere revolutionäre Bewegung gefährlich werden kann.

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Waffenstillstand der FARC-EP zu den Wahlen

„Die FARC-EP, Zweites Marquetalia, schließt sich dem einseitigen Waffenstillstand an, der von den Genossen des ELN erklärt wurde und mit dem versucht wird, die Wahl des neuen Präsidenten von Kolumbien mit einer Atmosphäre der Ruhe zu umgeben.“ Und weiter: „Es ist jetzt oder nie. Kolumbien muss sich befreien, muss sich aus dem schrecklichen Strudel des internen Krieges befreien, der es ihm nicht erlaubt, den Kopf zu heben. Je länger der Krieg andauert, desto größer werden die Wunden, wie unser Oberbefehlshaber Manuel Marulanda Vélez zu sagen pflegte“, so das Kommuniqué der FARC-EP, Zweites Marquetalia, welches am Wochenende veröffentlicht wurde.

Dieses Prozedere eines temporären Waffenstillstandes wird seit vielen Jahren von der aufständischen Bewegung praktiziert. Zum einen drückt es den Willen nach einer politischen Lösung des Konfliktes aus, zum anderen sollen tatsächlich so viele Menschen wir möglich überzeugt werden, ihr Kreuz zu setzen. Häufig ist es jedoch so, dass die Guerilla ihre Kandidaten vorher in Gesprächen mit der Bevölkerung deklariert. In diesem Jahr dürfte es mit dem Wahlbündnis des Historischen Paktes unter Gustavo Petro allerdings nicht so komplex sein. Die Wahlen finden am nächsten Wochenende statt. Zudem wird in dem Kommuniqué wieder einmal die Nähe zwischen ELN und der FARC-EP unter Iván Márquez deutlich.

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Kämpfe und Konflikte im Landesgebiet

Bei einem Angriff der Guerilla auf eine Militäreinheit auf dem Land in der Gemeinde Vistahermosa, Provinz Meta, sind mindestens 14 Soldaten verletzt worden. Um welche Struktur es sich bei der Guerilla handelt, ist noch unklar. In der Region sind aber die 1., 7. und 16. Front der FARC-EP präsent sowie zum Teil die Front Comandante Jorge Briceño. Seit vielen Jahrzehnten gehört der südliche Teil der Provinz Meta zum angestammten Territorium der Guerilla.

Bei Kämpfen in der Nähe von Toribio, gelegen im Norden der Provinz Cauca, sind vier Guerilleros der Mobilen Kolonne Dagoberto Ramos Ortiz von der Dritten Division der Armee getötet worden. Die Kämpfe ereigneten sich während einer Militäroperation in verschiedenen Dörfern. Im Norden des Cauca sind zudem die Front Ismael Ruíz und die Mobile Kolonne Jaime Martínez der FARC-EP im zusammengefassten Westlichen Koordinierungskommando aktiv. Im Süden der Provinz Valle del Cauca gibt es eine Offensive gegen die Einheit Jaime Martínez, wo es zu Festnahmen gekommen sein soll.

Im Süden Kolumbiens, in der Provinz Nariño, kam es vor wenigen Tagen zu Kämpfen zwischen der Polizei und Personen aus der Front Franco Benavides, die auch dem Westlichen Koordinierungskommando zugehörig ist. Im Ortskern von Policarpa soll es zu einer Kontrolle durch die Polizei gekommen sein, woraus eine Schießerei entstand, bei der mindestens ein Polizist ums Leben kam.

Unterdessen gibt es aus den Gemeinden der südlichen Provinz Caquetá Hinweise, dass sich Gruppen der Bolivarischen Grenzkommandos, die der FARC-EP Zweites Marquetalia unter Iván Márquez alliiert sind, weiter ausbreiten. Hier kann es zukünftig zu Konflikten mit der FARC-EP um Gentil Duarte und Iván Mordisco kommen, die hier mit der 62. Front Miller Perdomo ihr Einflussgebiet haben. Bisher beschränkten sich die Grenzkommandos auf die Provinz Putumayo, wo sie im Konflikt mit der Front Carolina Ramírez stehen, die zum Südöstlichen Block um Duarte und Mordisco gehört.

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Besorgnis in Algeciras durch Kommuniqués

Verschiedene Kommuniqués der 1. Front Jorge Briceño der FARC-EP, die von Alexander Díaz Mendoza alias Calarcá kommandiert wird, zirkulieren in der Region Algeciras und sorgen für Unruhe bei der lokalen Bevölkerung. Besorgnis gibt es auch, weil nicht klar ist, ob die Kommuniqués wirklich von der Guerilla kommen oder kriminelle Strukturen, oftmals mit dem Staat und Paramilitärs alliiert, durch solche Vorgehensweisen Panik in der Bevölkerung schüren wollen. Fakt ist, es gibt sogenannte dissidentische Strukturen in und um Algecrias, im Osten Huilas an der Grenze zur Provinz Caquetá gelegen. Doch diese waren bisher nicht der 1. Front zuzuordnen, sondern unter anderem der Einheit Oscar Mondragón der FARC-EP, Zweites Marquetalia, aber auch Strukturen der FARC-EP, die der 1. und 7. Front zuzurechnen sind.

Ein Kommuniqué vom 7. Mai der genannten vermeintlichen Struktur droht denjenigen, die Diebstähle und andere kriminelle Handlungen in der Gemeinde verursachen. „Seit dem 12. Mai dieses Jahres wollen wir keine bösartigen Menschen und Drogendealer oder Diebe (von Häusern, Motorrädern, Räubern und anderen) sehen, weil wir sie bereits identifiziert haben (…).“ Zudem werden Jugendliche erwähnt, die mit dem „Lärm ihrer Motorräder in der Stadt für Ärger sorgen“. Erwähnt werden explizit auch Personen, die Verbindungen zu den Streitkräften haben oder die ihnen Lebensmittel verkaufen: „Wir waren sehr geduldig mit ihnen und sie wollten nicht gehorchen. Gehorchen sie oder sie werden von unserer Organisation zum militärischen Ziel erklärt“, heißt es in dem Kommuniqué.

Ebenso vom 7. Mai resultiert ein Kommuniqué der 1. Front Jorge Briceño der FARC-EP von alias Calarcá, in dem ausdrücklich drei Transportunternehmen erwähnt werden, bei denen sie für jedes Fahrzeug eine wirtschaftliche Forderung, eine sogenannte Revolutionssteuer, stellen, um weiterarbeiten zu können. Ebenso erfolgt dies an Händler dieser Branche. Im Text sind die Namen von regionalen Transportunternehmen zu lesen, in dem die Summe von 200.000 Pesos für jedes Fahrzeug verlangt wird. Zudem werden auch die Gewerkschaft und Motorradtaxifahrer benannt, die ebenfalls den gleichen Betrag zahlen müssen. Dazu solle eine Person am 13. Mai persönlich und ohne Telefon zu 7 Uhr im Dorf La Mercedes in Caquetá erscheinen und den Betrag bezahlen.

Auch wenn es diese Art und Weise der Kommunikation von Seiten der Guerilla wirklich gibt, so wird zum einen soziale Kontrolle und Rechtsprechung ausgeübt, aber auch die Revolutionssteuer in von der Guerilla kontrollierten Gebieten eingetrieben, so ist das Vorgehen mit dem explizierten Kommunizieren von Ort und Zeit zum Eintreiben des Geldes etwas ungewöhnlich. Ebenso die bisher nicht vorhandenen Aktivitäten der 1. Front Jorge Briceño in dieser Gegend, lassen die beiden Kommuniqués und ihre Forderungen mit Vorsicht erscheinen. Trotzdem erscheint es uns wichtig zu zeigen, zum einen, wie die Guerilla agieren könnte, aber auch wie gefährlich und unsicher diese Kommuniqués bezüglich der Urheberschaft sein können.

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Die Bolivarischen Grenzkommandos

Viel wurde in der letzten Zeit, auch von unserer Seite, über den bewaffneten Konflikt im Süden Kolumbiens geschrieben. Internationale Beachtung fand eine Militäroperation in Alto Remanso, die sich gegen vermeintliche Mitglieder des bolivarischen Grenzkommandos richtete, aber auch Zivilisten tötete. Vor geraumer Zeit erschien eine Reportage, die sich den Grenzkommandos widmet. In ihr wird über die Entstehung, ihre Ziele und ihr Operationsmodus berichtet. Teile der Reportage (Las guerras del posacuerdo: ¿quiénes son los Comandos de Frontera?) haben wir nun übersetzt, weil wir finden, dass es einen guten Einblick in die Struktur des Grenzkommandos gibt und auf der anderen Seite die Lügen und Falschmeldungen der systemtreuen Medien berichtigt.

Die Bolivarischen Grenzkommandos (Comandos Bolivarianos de Frontera – CBF) sind einer der bekanntesten Akteure in der Provinz Putumayo. Diese Gruppe ist das Produkt jener Streitigkeiten, die nach der Auflösung des ehemaligen Südblocks der FARC-EP entstanden, einer der stärksten Guerillastrukturen mit Dominanz im kolumbianischen Süden. Doch zuerst muss man die geopolitischen Zusammenhänge sehen. Hier im Süden gibt es enorme natürliche Ressourcen, die teilweise von transnationalen Konzernen ausgebeutet werden. Besonders das geförderte Erdöl sorgt für Reichtum auf der einen Seite, für Verschmutzung, Gewalt und Ausbeutung auf der anderen Seite.

Das permanente Besprühen von illegalen Pflanzungen wie Koka aus der Luft mit Giften wie Glyphosat zerstört die Umwelt und die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Alternativen werden von der Regierung, trotz des vereinbarten Punktes im Friedensabkommen, nicht angeboten. Der Süden ist permanent von der Regierung vernachlässigt, einzig das Militär und ihre verbündeten paramilitärischen Gruppen sind präsent. Die Militärbasis Tres Esquinas ist eine der wichtigsten des Landes und des Amazonas. Die geostrategische Lage an der Grenze zu Ecuador begünstigt illegalen Handel und das Ausbreiten von bewaffneten Akteuren.

Einer der Kommandeure der Bolivarischen Grenzkommandos (CBF) begann die Reportage mit der Erzählung, dass alias „Rodrigo Cadete“, einer der Kommandeure der ersten sogenannten Dissidenten der FARC-EP, anfing, gegen das Friedensabkommen aufzubegehren. Rodrigo Cadete sollte bis zu seinem Tod bei einer Militäroperation im Jahr 2019 im Süden Kolumbiens ehemalige Guerilleros aus dem Südblock wieder zusammenbringen und eine neue Struktur unter der 1. Front von Gentil Duarte aufzubauen. Diejenigen, die sich nicht beteiligen wollten, wurden bedroht.

Diejenigen, die von der Wiederbewaffnung der FARC-EP bedroht waren, waren bereits bewaffnet, um sich zu verteidigen und Territorien über bestimmte Gebiete zurückzuerobern, in denen sie ihr eigenes bewaffnetes Projekt starten konnten. Einer der Gründer der Grenzkommandos erzählte: „Wir sind nicht mit Cadete gegangen, weil wir nicht zum FARC-Regime zurückkehren wollten. Und eine Bedrohung für einen ist eine Warnung für alle.“ Ihm zufolge hatten sie einige „alte eingegrabene Gewehre“ und mit ihnen bewaffneten sie sich, „um in das Gebiet des Flusses San Miguel an der Grenze zu Ecuador einzudringen“, das von bewaffneten Gruppen übernommen worden war. „Es gab nur wenige Waffen, insgesamt 17, darunter Schrotflinten und Pistolen.“

Zuerst waren sie als „La Mafia“ oder „Sinaloa“ bekannt. Dies ist laut einem anderen Gründer der bewaffneten Gruppe darauf zurückzuführen, dass eine Person namens „Sinaloa“ mit ihnen angefangen hat, die mit Oliver Solarte (2011 von der Armee getötet) zusammen war. Einigen Medien zufolge hieß er Pedro Oberman Goyes und wurde 2019 ermordet. Der Kämpfer gab an: „Da wir noch keinen Namen hatten und uns trafen, sagten die Leute: Hier sind die aus Sinaloa, aber es war so wegen dem Spitznamen dieses Mannes.“ Die ersten Mitglieder dieser Gruppe begannen sich im November 2017 zu treffen, über Statuten und ihr bewaffnetes Projekt zu diskutieren. Damals erklärten sie sich zu Bolivarianern.

Sie setzten sich aus ehemaligen Guerilleros des Südblocks der FARC-EP zusammen und beschlossen, „die Struktur politisch zu unterstützen“, wie sie sagten, und übernahmen den Bolivarismus als Ideologie, weil „für uns der Bolivarismus ein erreichbareres Ziel ist. Die Revolution geht weiter, aber auf andere Weise“. Sie übten Selbstkritik am vergangenen Kampf der alten FARC-EP und der Zeit des Friedensabkommens, besonders am Zentralismus und den Oberkommandierenden. „Dieses Regime der Anführer der FARC war ungerecht. Alles war für sie und die Kämpfer mussten sich ihrem oft kriminellen Willen fügen, während ihre Kinder in Europa studierten oder friedlich und geschützt in Bogotá lebten.“

Eine andere Kritik ist an die Strukturen der FARC-EP um die 1. Front gerichtet. Ihrer Meinung nach haben sie den Strukturen um Gentil Duarte und dem Ableger in Putumayo, der Front Carolina Ramírez, den Krieg erklärt, weil sie es als konterrevolutionäres Projekt betrachten. Es geht auch um die Widersprüche zwischen Gentil Duarte und Danilo Alvizú, der vom Südblock kommt. Es ist ein Streit um die politische Art und Weise des Kampfes, wie er auch in anderen Regionen geführt wird. Oftmals sind die Zivilisten die Leidtragenden des Konfliktes.

Seit dem Erscheinen verschiedener Videos und Kommuniqués beschuldigen sich die Gruppen gegenseitig, Paramilitärs zu sein. Sie werden auch beschuldigt, gezielte Morde an ehemaligen Kämpfern und sozialen Aktivisten begangen zu haben. Tatsache ist, dass regionale und nationale Menschenrechtsorganisationen wiederholt die Ermordung und Drohungen gegen Führer und die Bevölkerung im Allgemeinen angeprangert haben. Auf Nachfrage antworteten die Sprecher der Grenzkommandos, dass in diesem neuen Krieg „sich jeder rechtfertigt und es ein Opfer gibt, das die Wahrheit ist.“ Sie schreiben die Massaker der Front Carolina Ramírez zu.

In dieser Neudefinition ihrer Präsenz im Krieg haben die Grenzkommandos ein operatives Verfahren vorgeschlagen, das sich von dem unterscheidet, was sie früher in der FARC-EP erlebten und was die neuen Strukturen der FARC-EP um Gentil Duarte in ihren Handbüchern neu aufleben lassen. Der Ansatz der Grenzkommandos deckt sich mit dem der FARC-EP, Zweites Marquetalia. Dieser Struktur haben sie sich 2021 offiziell angeschlossen und sie haben einen Delegierten in der Struktur, die von Iván Márquez, dem ehemaligen Verhandlungsführer bei den Friedensgesprächen der FARC-EP in Havanna, kommandiert wird. Das Zweite Marquetalia steht im Konflikt zur 1. Front um Gentil Duarte.

Die Selbstkritik an der bisherigen Arbeitsweise der FARC-EP motivierte zu Entscheidungen, die zu neuen Formen der Kriegsführung führten. An erster Stelle „muss der Krieg in Kolumbien heute eine andere Operation haben. Es sollte keinen Terrorismus geben, es sollte keine Rekrutierung geben, die angestammten Afro- und indigenen Autoritäten sollten respektiert werden, Entführungen sollten nicht als Finanzierungswaffe oder als politischer Mechanismus eingesetzt werden“, bekräftigen sie. Dies ist in der Tat ein Ansatz, der zwar hin und wieder von vielen Gruppen geäußert, aber nicht umgesetzt wird.

Ein zweites Merkmal dessen, was sie als neue Vorgehensweise betrachten, ist die Zusammensetzung ihrer Armee. Diese Guerilla hat in ihrem bewaffneten Projekt beschlossen, alle Arten von Kämpfern aufzunehmen, unabhängig von ihrer Herkunft und Geschichte der Waffenkenntnis. Dies hat ihnen den Ruf als Nicht-Guerilla-Gruppe eingebracht: „Wir sind Feinde der Paramilitärs, wir sind keine Feinde des Staates. Als FARC nannten wir das, was wir früher taten, das Streben nach einer Veränderung, und jetzt nennen wir es auf erreichbare Weise den Schutz des Lebens und den Schutz des Territoriums. Viele werden natürlich sagen, dass wir, da wir keine Feinde des Staates sind, Teil des Staates sind, doch das ist nicht der Fall. Was passiert ist, dass wir verstehen, dass dies in Phasen erfolgen muss. Heute sind unsere Feinde Nummer eins die Dissidenten oder die Front Carolina Ramírez“.

Drittens zahlen sie ihren Kämpfern ein Gehalt. Diese Entscheidung hat laut den Sprechern der Gruppe zu Kontroversen in ihrer Vereinbarung mit dem Zweiten Marquetalia geführt, wo sie der Ansicht sind, dass sie nicht bezahlen sollten, um in die Reihen einzutreten. In diesem Zusammenhang haben die Grenzkommandos jedoch erwogen, dass die durch die Sammlung zur Kontrolle des Handels mit Koka generierten Ressourcen unter den Kämpfern und sogar in den Gemeinden verteilt werden sollten. Dies ist auch eine Kritik an der alten FARC-EP, wo alles streng rationiert war und das Geld nur von Wenigen verwaltet wurde. „Hier haben wir beschlossen, dass diese Ressourcen an diejenigen gehen, die kämpfen.“

Aus diesem Grund, argumentiert er, zahlen sie ihren einfachen Kämpfern ein Gehalt von zwei Millionen Pesos (etwa 500 Dollar) im Monat. Für die Kommandeure der Gebiete beträgt das Gehalt etwa fünf Millionen Pesos (1200 Dollar) im Monat. Im früheren Zeiten „kannten wir Fälle von Jungen in der FARC, die an den Fincas ihrer Eltern vorbeigingen und sie nicht einmal begrüßen konnten, weil es den Kommandierenden nicht gefiel. Und wenn doch, konnten sie erschossen werden. Aber hier haben die Jungs heute einen bezahlten Job, heute ist es sehr hart und hier passen wir alle rein.“

Laut ihren Aussagen haben die Bolivarischen Grenzkommandos jetzt mindestens tausend Kämpfer, für die sie Hunderte von Gewehren, Dutzende von Mörsern und Maschinengewehre beschafft haben sowie reichlich Munition. Eine große Gehaltsliste, die zweifellos mit Geldern aus dem Handel mit Koka bezahlt wird. Trotz der globalen Schwierigkeiten der Kokainwirtschaft ist es unbestreitbar, dass ein Teil der nationalen Mikro- und Makroökonomie davon beeinflusst wird. Putumayo ist keine Ausnahme. Der Handel mit Koka generiert für einige ein enormes Einkommen, dass die Bauernfamilien von Putumayo nur in minimalen Anteilen erreicht und in den Taschen von Kaufleuten, Geldwäschern und Politikern verbleibt. Aber für die Bauern ist es eine Lebensgrundlage.

Mit dem Abzug der Einheiten der 48., 32. und 49. Front der ehemaligen FARC-EP wurde die Kontrolle über die Koka-Gebiete auf einige Gruppen mit reinen Zielen der privaten Bereicherung von Drogenhändlern verteilt. Dabei waren auch solche, die schwer bewaffnet in die Zonen gingen, um ihre Preise für das Kilogramm durchzusetzen, was zu Wertschwankungen und enormen Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft führte. Darüber hinaus schlossen sich ursprünglich Tausende von Familien dem Programm zur Substitution von illegalen Pflanzen (PNIS) zusammen. Doch die Regierung kam den Pflichten nicht nach.

Bis 2019 war das PNIS-Büro in der Region nicht mehr tätig, obwohl es eine der symbolträchtigsten Regionen des bewaffneten Konflikts und der regionalen Kokainökonomien war. Viele derjenigen, die ihre Koka-Pflanzen vernichtete, erhielten kein Geld. Sie pflanzten also wieder heimlich Koka an. Nun beginnt die Regierung die bewaffneten Gruppen für die Zunahme der Ernte verantwortlich zu machen und sie sind sich der Verstöße nicht bewusst. Jetzt ist die Realität, dass es den Bauern egal ist, ob die Regierung sich daranhält oder nicht. Die Grenzkommandos versuchen nun den Krieg zwischen Drogenhändlern zu vermeiden und ihrerseits die territoriale Kontrolle zu erlangen. Sie verstehen sich als lokale Schutzmacht von lokalen Personen mit politischen Zielen.

„Wir sind eingetreten, um das zu kontrollieren“, sagt einer der Sprecher. In den Gebieten, in denen diese Gruppe die Kontrolle ausübt, liegt der dem Bauern heute angebotene Kaufpreis zwischen zwei- und dreitausend Pesos pro Gramm, während der Verkauf von Basenpaste an Drogenhändler seitens der Kommandos etwa vier erreicht Tausend Pesos. Das Plus dieses Handels ist ihre Finanzierungsquelle und damit können sie den gesamten Militärapparat, den sie besitzen, unterhalten. In Putumayo wird ein Krieg zwischen legalen und illegalen Akteuren geführt, der über die Kontrolle von Drogen und Handelsrouten hinausgeht.

Die bewaffneten Strukturen nach dem Friedensabkommen bringen sich gegenseitig um und der kolumbianische Staat fischt in einem unruhigen Fluss inmitten von Interessen an Bergbau- und Energieprojekten und Bemühungen, die bäuerliche und indigene Organisation zu schwächen und zu spalten. Doch auch die Grenzkommandos sind für Frieden. Doch wie kann er in diesem Mengengelage funktionieren? Es muss ein neues Abkommen geben, in dem sich aber alle Akteure zusammensetzen, wird gesagt. Der Aufbau eines regionalen Friedens kann nicht durch militärische Operationen erfolgen, sondern durch ein Verständnis der Komplexität dieser regionalen Gebiete.

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Partei Comunes unterstützt Petro

In den sozialen Netzwerken positionieren sich ehemalige FARC-Mitglieder bezüglich der anstehenden Präsidentschaftswahlen klar für Gustavo Petro und Francia Márquez vom Historischen Pakt, einer linken Oppositionsbewegung aus linken, grünen und liberalen Parteien sowie sozialen Bewegungen. Dazu soll es morgen in Bogotá eine Veranstaltung geben, bei der die Mitglieder der Partei Comunes ihre Unterstützung für die Präsidentschaftskampagne von Gustavo Petro formell bekunden werden. Das Treffen wird unter dem Motto „El cambio es por la paz“, also „der Wechsel ist für den Frieden“, abgehalten.

Dort werden einige ehemalige Kommandierende der Ex-Guerilla FARC-EP die Gründe erläutern, warum sie Gustavo Petro und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Francia Márquez unterstützen werden. Zuvor hatte sich bereits Sergio Marín, als Abgeordneter des Kongresses für die Partei Comunes, öffentlich positioniert. Er ist auch der Organisator des Treffens, bei dem zahlreiche ehemalige FARC-Mitglieder und Friedensaktivisten teilnehmen werden. Das Treffen soll offiziell die Linie der Partei nach Außen zur Unterstützung des Wahlkampfes symbolisieren.

Bereits vor ein paar Wochen ließ Carlos Antonio Lozada verlautbaren, dass die Kandidatur des Historischen Pakts diejenige sei, die die Ideale der Partei Comunes am besten vertrete. „Wir bringen zum Ausdruck, dass wir uns politisch mit den Vorschlägen identifizieren, die dort präsentiert wurden, um Kolumbien aus der aktuellen Krise in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft herauszuholen“, sagte er. Seine Position wurde auch vom Vorsitzenden der Partei, Rodrigo Londoño, unterstützt, in dem er mitteilte, dass seine Partei nach den Wahlen auf der Seite des Historischen Paktes stehen werde.

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