20. Juli – Tag des Kampfes um Unabhängigkeit

Der 20. Juli ist in Kolumbien ein besonderer Tag, es ist der Tag der Unabhängigkeit. Viele Organisationen, darunter auch die aufständischen Bewegungen, kämpfen noch immer für die Unabhängigkeit, die Unabhängigkeit vom Neokolonialismus, Neoliberalismus, Kapitalismus und die Unabhängigkeit einer korrupten Oligarchie, die seit Jahrhunderten das Land beherrscht und unterdrückt.

Dieser Tag, dieser 20. Juli, ist in Kolumbien ein besonderer Tag, weil Kolumbien die Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1810 feiert. Es ist aber auch der Tag, an dem die Unterdrückten auf die Straße gehen und an jenen Befreier, den Libertador erinnern, der mit seinem Kampf nicht nur die Unabhängigkeit wollte, sondern der Kampf gegen Kolonialismus, Sklaverei, soziale und nationale Unterdrückung. Der Name des Libertadors Simón Bolívar steht für diesen Kampf. So gab es Massendemonstrationen in allen großen Städten.

Simón Bolívar wollte stets die Einheit des damaligen Neugranadas. Er wollte seine Ziele verwirklichen. Bolívar wandte sich einst in einem Manifest an die Bevölkerung von Bogotá, dass auch heute noch gilt: „Der Himmel hat mir beschieden, der Befreier der unterdrückten Völker zu sein, und so wird es kommen. (…) Die in Hunderten von Kämpfen siegreichen Helden Venezuelas haben stets für die Freiheit gekämpft, haben Wüsten, Gebirge und Flüsse nicht deshalb überwunden, um ihren Landleuten, den Söhnen Amerikas, Fesseln anzulegen. Unsere Aufgabe ist es, das Volk unter einheitlichen Führung zu vereinen, um alle unsere Kräfte auf das eine Ziel zu richten: der Neuen Welt ihr Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit zu sichern.“

Auch die aufständische Bewegung erinnert an die Bedeutung des Tages und so rief die FARC-EP, Zweites Marquetalia, dazu auf dass an diesem 20. Juli niemanden zu Hause bleiben solle. „Alle auf die Straße, um Freiheit zu fordern, Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit!“ Und weiter: „Lasst den Schrei der Ausgeschlossenen, der Vergessenen, der seit mehr als 200 Jahren von Regierungen Verachteten erschallen. Lasst die egoistische soziale Klasse, die ausschließlich die Macht besitzt, zum ersten Mal auf die unten stehenden hören. Es ist an der Zeit, dass die Armen und Ausgegrenzten, die die Hügel und populären Viertel von Bogotá bewohnen, mit der heiseren Stimme ihres Protests und ihrer heiligen Rebellion zur Plaza de Bolívar marschieren.“ (…)

„Lasst uns am 20. Juli marschieren und ein Ende der Ungerechtigkeit der historischen Landenteignung fordern, dass die Demagogie aufhört und grünes Licht für die Agrarreform und die Landrechte an Bauern gegeben wird. Dass die Verpflichtungen mit den indigenen Minga, den Studenten und der sozialen Bewegung erfüllt werden. Auf dass die kostenlose Einschreibung und kostenlose Bildung für die Armen nicht zu einer neuen Täuschung und Frustration werden.“

„Lasst uns die Liebe über den Hass triumphieren lassen, was mit einer neuen demokratischen Koalitionsregierung möglich sein wird, die für die Menschen und ihr Glück arbeitet. Die Ausgeschlossenen haben auch das Recht, eine Regierung zu sein. Lasst uns erfolgreich sein, damit sich die Dinge ändern. Wir wollen die Blüte einer neuen Politik des Friedens, der Solidarität und der Menschlichkeit sehen. Dass der Hass dieser Regierung gegen Kuba und Venezuela aufhört. Dass die Selbstbestimmung der Völker respektiert wird. Keine Einmischung der Vereinigten Staaten in Kolumbien und Unser Amerika mehr.“

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Sicherheit und Wiedereingliederung auf dem Land weiterhin großes Problem

Im Kontext der Umsetzung des Friedensabkommens und der Sicherheit nicht nur der ehemaligen Kämpfer der FARC-EP, sondern auch der gesamten Bevölkerung, gibt es weiterhin große Probleme. Dies ist auch immer wieder Thema bei den Vereinten Nationen (UNO). So erklärte die UNO zuletzt diese Woche, dass die Umsetzung der Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC erste Priorität hat und darin bestehe, „die Sicherheit in den historisch vom Konflikt betroffenen Gebieten zu verbessern“. Immer wieder werden ehemalige Kämpfer der aufständischen Bewegung, die sich im Prozess der Wiedereingliederung befinden, ermordet, vertrieben oder bedroht.

„Auf nationaler Ebene gibt es Indikatoren für die Reduzierung von Tötungsdelikten, für eine Reduzierung der Gewalt im nationalen Durchschnitt in Kolumbien, aber in Konfliktgebieten (…) ist die Unsicherheit sehr hoch“, sagte auf einer Pressekonferenz in Brüssel der Vertreter des UN-Generalsekretärs in Kolumbien, Carlos Ruiz Massieu. So gibt es dort im ländlichen Bereich immer noch einen gemeinsamen Nenner, nämlich die Präsenz bewaffneter Gruppen, geringe Entwicklungsmöglichkeiten und illegale Wirtschaft, sei es Drogenhandel oder illegaler Bergbau, so die Aussage.

Nicht nur er, sondern auch Nichtregierungsorganisationen, die aus der FARC-EP herausentstandene und nun umbenannte Partei Comunes, aber auch andere Kollektive im Prozess der Wiedereingliederung fordern schont seit Langem eine größere Präsenz des Staates in den vom Konflikt betroffenen Gebieten. In den Gebieten, in denen die FARC-EP historisch präsent war und im Rahmen des Friedensabkommens die Waffen niederlegte, wurde das Machtvakuum nicht vom Staat geschlossen, sondern andere bewaffnete Gruppen nutzten die Gelegenheit in diesen Territorien zu wachsen.

Nach Angaben des Instituts für Entwicklungs- und Friedensforschung (Indepaz) sind seit dem 24. November 2016 über 270 ehemalige Kämpfer der FARC-EP ums Leben gekommen. Obwohl diese Zahl kaum mehr als zwei Prozent aller Unterzeichner des Friedensabkommens ausmacht, von insgesamt 13.589, haben die Häufigkeit und die Ausdehnung der Gebiete, auf dem die Morde stattfinden, Alarm ausgelöst. In diesem Jahr wurden bisher jeden Monat neue Fälle von ermordeten Ex-Kämpfern gemeldet: sieben im Januar, vier im Februar, zwei im März, zehn im April, drei im Mai und zwei im Juni. Diese 28 Morde ereigneten sich in Antioquia, Arauca, Caquetá, Cauca, Chocó, Meta, Nariño, Norte de Santander, Putumayo, Tolima und Valle del Cauca.

Besonders gefährdet sind jene Personen, die nicht in den ehemaligen Widereingliederungszonen (ETCR) leben. Neben den ETCRs gibt es auch Neue Wiedereingliederungspunkte (NAR), kollektive Siedlungen, die von der Regierung nicht anerkannt und von ehemaligen Kämpfern geschaffen wurden, die sich entschieden haben, die ETCRs zu verlassen, weil sie Zweifel an ihrer Kontinuität hatten, weil es Diskrepanzen gab, weil ihre Sicherheit nicht garantiert werden konnten oder andere Beweggründe. Letztes Jahr gab es rund 90 NARs im gesamten Staatsgebiet und immerhin noch knapp über 20 ETCRs. Personen, die einer ETCR angehören, haben ein geringeres Risiko, angegriffen zu werden, als jene, die individuell leben oder außerhalb von ihnen leben.

Über die Hintergründe der Täter ist oft wenig bekannt und die Sicherheit generell ein großes Problem. Dies macht die Wiedereingliederung schwierig, auch wenn ein Großteil der ehemaligen Kämpfer weiterhin dieses Ziel verfolgt. Immer wieder gibt es auf dem Land von Seiten der Ex-FARC-EP Akte der Versöhnung und Wiedergutmachung. Mit Kunst wurde zuletzt unter anderem in San Adolfo (Acevedo in der Provinz Huila) an die Opfer und die Taten erinnert. Ein Ort, der zwei Mal in den Jahren 1987 und 2001 von der FARC-EP eingenommen. Dazu wurde durch Malereien und Graffiti die Schule gestaltet.

Auch sozioökonomische Projekte der ehemaligen Kämpfer, oft in Kooperation mit der lokalen Bevölkerung, sollen diesem Zweck dienen und allen das Alltagsleben erleichtern. Ende Juni wurde zum Beispiel das Tourismusprojekt Oriente Verde („Grüner Osten“) in der Hauptstadt der Provinz Meta, Villavicecio, präsentiert. Oriente Verde ist ein produktives Gemeindetourismusprojekt in der ETCR Georgina Ortiz im Dorf La Cooperativa in der Gemeinde Vista Hermosa, Meta. Diese Initiative möchte durch eine Reise voller Kunst, Kultur, Abenteuer und Geschichte eine Verbindung des Friedens und der Versöhnung mit der Gemeinschaft und der Umwelt herstellen. Es soll sowohl die Kultur der Guerilla, als auch die Natur kennengelernt werden.

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Studie zur FARC-EP, Zweites Marquetalia, veröffentlicht

Die Stiftung Fundación Ideas para la Paz (FIP) aus Kolumbien, die ihren Schwerpunkt unter anderem im bewaffneten Konflikt und der politischen Analyse sieht, hat eine über 50-seitige Studie über die FARC-EP, Zweites Marquetalia, veröffentlicht. Seit der Neu-Gründung der Guerillaorganisation am 29. August 2019 machte das „Zweite Marquetalia“, bestehend aus „Iván Márquez“ und einer Gruppe von Kommandeuren, die die verschiedenen mobilen Blöcke und Kolonnen der unbewaffneten FARC repräsentieren, viele Schlagzeilen. Die Expansion dieser Gruppe in die Gebiete, die unter dem Einfluss dieser Guerilla standen, die Beziehung zum Maduro-Regime sowie seine Präsenz in Venezuela und in jüngerer Zeit der angebliche Einfluss dieser Organisation auf den Nationalstreik haben Fragen über ihre wahre Natur aufgeworfen.

Die Studie die Ursprünge, Diskurse und Motivationen dieser Guerillaorganisation sowie ihre Struktur, interne Funktionsweise, territoriale Verteilung und die bewaffnete Kapazität. Darüber hinaus thematisiert die Studie auch das Verhältnis zu Venezuela und die Reaktion des kolumbianischen Staates auf diese Gruppe. Außerdem wird das Zukunftsszenario betrachtet. Generell kann in der Studie betrachtet werden, dass sich die FARC-EP, Zweites Marquetalia, bisher noch nicht dem Ziel, der Bildung einer großen nationalen Guerillabewegung, genähert hat. Die Vereinigung der sogenannten dissidentischen und wiederbewaffneten Gruppen in einem politisch-militärischen Projekt liegt noch in weiter Ferne.

Zudem wird eine gewisse Abhängigkeit von Venezuela bescheinigt. So muss sich die Guerilla an die lokalen Bedingungen, die Reaktionen des Staates und die Veränderungen in Venezuela anpassen. Hochrangige Kommandeure haben hier ihren Unterschlupf gefunden und zudem sind viele Strukturen der Guerilla im Grenzgebiet aktiv. Hier haben sie neben den Unterschlupfmöglichkeiten die Voraussetzung, um sich auf das kolumbianische Territorium auszudehnen. Darüber hinaus zeigen die jüngsten Informationen über den Tod eines ihrer großen Kommandierenden, Jesús Santrich, dass das Zufluchtsland nun nicht mehr 100 prozentig sicher ist. Obwohl es unterschiedliche Versionen zu dieser Tatsache gibt – von einer Operation der kolumbianischen Streitkräfte über Söldner bis hin zu einem möglichen Verrat – ist klar, dass die Verwundbarkeit der Kommandeure im Nachbarland zugenommen hat.

Für die FARC-EP, Zweites Marquetalia, ist die Entstehungsgeschichte interessant, die wiederum auch die internen Differenzen zwischen der politisch-militärischen Ausrichtung beleuchtet. Neben den Differenzen zum Umgang mit dem Friedensprozess wird deutlich, dass es einen unumkehrbaren Bruch zwischen Márquez, Santrich und anderen Kommandierenden des heutigen „Zweiten Marquetalia“ mit dem Sektor Timochenko, Pastor Alape und Carlos Lozada aus der damaligen Guerilla und heutigen Partei Comunes gab. Ihnen wird Mutlosigkeit und Schwarzmalerei durch das Handeln während des Friedensprozesses und danach bei der (Nicht-)Umsetzung vorgeworfen und durch ihr Handeln die Auslöschung der aufständischen Bewegung mitsamt seiner militärischen und ideologischen Säulen der FARC aus.

Hinzu kommt das Agieren bei der Schwächung des Ostblocks der FARC-EP, einst die politisch-militärische Stütze der Guerilla, die ständige Bloßstellung der FARC-Führer bei ihren Versetzungen nach Havanna, dem Verhandlungsort. Im Mittelpunkt steht auch der Versuch, den Zentralen Generalstab bei der Zehnten Konferenz der FARC 2016 zu erneuern und die Zensur mitten auf dem Gründungskongress der FARC-Partei im Jahr 2017. Hier gab es harte Debatten, nicht nur um Namen und Ausrichten der Partei, sondern auch um die Posten. Márquez und Santrich traten erneut als Oppositionsfraktion auf, als hier die aktuelle politische Entwicklung der neuen FARC-Partei diskutiert wurde. Das Fehlen von Sicherheitsgarantien, die Nichteinhaltung des Friedensabkommens, die Festnahme von Jesús Santrich im April 2018 sowie eine drohende Operation gegen Iván Márquez führten zur Neugründung der FARC-EP und Abkehr aus der zivilen Wiedereingliederung.

An welchem ​​Punkt befindet sich die FARC-EP, Zweites Marquetalia, und wie ist sie derzeit aufgestellt? Hier wird festgehalten, dass sie noch lange nicht die Dimensionen und Kapazitäten der alten FARC-EP hat. Obwohl sie versucht, diese Guerilla heraufzubeschwören, ist sie eher eine kombinierte Organisation aus verschiedenen bewaffneten Fraktionen, die ein größeres Maß an Autonomie anstreben und nach wirtschaftlicher Unterstützung oder ideologischer Unterstützung suchen. Diese Fraktionen befinden sich in einer Einheitsphase. Einige regionale Vorstöße stehen noch am Anfang. Obwohl sie lokale Gruppen hinzufügte und damit ihren Einfluss ausweitete, sind ihre militärischen Kapazitäten mit einigen Ausnahmen wie der Front Acacio Medina im Osten des Landes im venezolanischen Grenzgebiet und den Provinzen Vichada und Guainía weiterhin begrenzt.

Zwar versucht sie politisch, anknüpfend an die alten Werte und politische Programmatik der FARC-EP (Marxismus-Leninismus, Bolivarismus, Antikapitalismus), die Öffentlichkeitsarbeit auszubauen, zum Beispiel über die sozialen Medien und die Herausgabe von Kommuniqués, doch weiterhin bleiben die Schwierigkeiten bestehen, bewaffnete Gruppen zu integrieren. Neue Mitglieder konnten rekrutiert werden, diese machen heute sogar die Mehrheit der Gesamtmitglieder aus. Der Versuch, eine vertikale Führung durchzusetzen, ist auf Strukturen gestoßen, die über territoriale Macht, Unabhängigkeit und Zugang zu Finanzierungsquellen verfügen. Hier zeigt sich ein generelles Problem der Guerilla, die sich im Prinzip von oben, von den Kommandierenden aus, nach unten zu den verschiedenen Strukturen gegründet hat und nicht andersherum.

Auch die Projekte zur Neugründung von der Partido Comunista Clandestino Colombiano (Klandestine Kommunistische Partei) oder der Movimiento Bolivariano por la Nueva Colombia (Bolivarische Bewegung für das Neue Kolumbien) machten zwar Fortschritte, aber der Tod von Jesús Santrich als einen der Hauptverantwortlichen für die Kommunikationsnetze der FARC-EP und für die politische Arbeit zeigt aktuell den Stillstand, auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Im Moment ist kein Ersatz bekannt. Die Mittlere Direktion der FARC-EP ist für die Beziehungen zwischen den regionalen Strukturen und der Nationalen Direktion zuständig und koordiniert die politischen Grundlagen der Organisation. Sie wird der zukunftsweisende Weg der Guerilla sein, denn nur durch eine lokale bzw. regionale Verankerung und politische Arbeit kann eine aufständische Bewegung wachsen.

Als Projekt stößt das „Zweite Marquetalia“ auf erbitterten Widerstand in den Strukturen um Iván Mordisco und Gentil Duarte und ihrer FARC-EP, die im Südosten des Landes und jenseits der Grenze einen wichtigen Einfluss haben. Die Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten zwischen diesen beiden bewaffneten Gruppen werden durchzogen von den Hinterlassenschaften des bewaffneten Konflikts, den Differenzen und Spaltungen innerhalb der FARC sowie den individuellen Motivationen und Positionen ihrer Kommandeure. Im Moment ist es schwer vorstellbar, dass sich ein dominanter Akteur festigt, der den anderen unterwirft oder aus dem Spiel nimmt. Wobei festgestellt werden muss, dass sich um Gentil Duarte eine Bewegung formierte, die derzeitig eine größere militärische Strahlkraft aufweist, was sich in Aktionen im Osten des Landes, aber auch im Westen mit dem Westkommando, der Vereinheitlichung diverser Strukturen, zeigt.

Ein zentraler Punkt in der Zukunft der FARC-EP, Zweites Marquetalia, wird die Anpassungsfähigkeit ihrer Struktur sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sich derzeit eine zentralisierte bewaffnete Organisation mit einer vertikalen Führungsdisziplin – ähnlich der alten FARC-EP – den verschiedenen lokalen Gruppen artikulieren oder aufzwingen kann. Doch im Putumayo, mit der Vereinigung der dortigen Struktur aus ehemaligen Kämpfern der 32. und 48. Front, zeigt sich der erfolgreiche Kooperationswille. Mit Rückschlägen, gerade auch aus militärischer Hinsicht, muss aber immer gerechnet werden. Zuletzt traf es mindesten fünf Guerilleros in Caquetá bei San Vicente del Caguán, als bei einer Bombardierung und Militäroperation eine Struktur der FARC-EP, Zweites Marquetalia, empfindlich getroffen wurde.

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Friedensunterzeichnerin ermordet – Massaker in San Vicente del Caguán

In der Nacht zum Freitag, dem 25. Juni, wurde eine weitere ehemalige Guerillakämpferin und Friedensunterzeichnerin des Abkommens ermordet. Es ist Norelia Trompeta Hachacua, eine Frau, die sich im Prozess der Wiedereingliederung in das zivile Leben in Buenos Aires, einer Gemeinde in der Provinz Cauca, befand. Mit Norelia sind seit der Unterzeichnung der Abkommen im Jahr 2016 bereits 277 ehemalige Kämpfer der sich entwaffneten Guerilla getötet worden.

Nach bisherigen Angaben wurde die 25-jährige Frau nachts im Dorf El Palmar von bewaffneten Männern angegriffen, die auf sie schossen. Am Tatort wurde die ehemalige Guerillakämpferin zusammen mit einer weiteren noch nicht identifizierten Frau gefunden, beide mit Schusswunden am Kopf. Bereits Anfang Juni war Jose Alonso Valencia von bewaffneten Männern auf einem Fußballplatz in Tuluá im Valle del Cauca erschossen worden.

Im Cauca ist der bewaffnete Konflikt besonders stark. Neben den staatlichen Sicherheitskräften und paramilitärischen Strukturen sind hier in Buenos Aires auch verschiedene Gruppen der aufständischen Bewegungen FARC-EP und ELN präsent. Oftmals ist die Situation komplex und nicht gleich durchschaubar. So gibt es Strukturen der FARC-EP, wie die Kolonne Jaime Martínez, die auf Seiten der 1. und 7. Front unter Duarte und Mordisco stehen, aber auch Strukturen der FARC-EP, Zweites Marquetalia, unter Iván Márquez.

Ähnlich ungenau sind die Erkenntnisse von einem neuen Massaker, welches sich im Ort Los Pozos in der Gemeinde San Vicente del Caguán, Provinz Caquetá ereignete. Dort wurden fünf Männer ermordete Männer aufgefunden, anbei mit einem Hinweis, dass es ausstehende Rechnungen bei der FARC, Front Edinson des Ostblocks, gab. Diese Struktur ist relativ neu, erst vor einer Woche wurde eine Person ermordet und bei ihr ein Flyer der besagten „Frente Edinson Cinco Mil“ gefunden, bei der die Ermordung mit Viehdiebstahl in Verbindung gebracht wird.

Zum einen sind die Strukturen der FARC-EP hier sehr ausgeprägt und soziale Kontrolle bzw. Nichtbefolgen von Aufforderungen wie dem Bezahlen der Revolutionssteuer wird oftmals bestraft und Exempel statuiert. Auf der anderen Seite sind es auch Methoden der paramilitärischen Strukturen, die Personen hinrichten, um dies auf die Guerilla zu schieben. Ziel ist das Schüren von Angst und Terror.

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Treffen der Wahrheitskommission zu Entführungen

Am morgigen Mittwoch, den 23. Juni, trifft sich die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Íngrid Betancourt zum ersten Mal mit den Verantwortlichen für ihre zwischen 2002 und 2008 stattgefundene Entführung durch Einheiten der FARC-EP. Das von der kolumbianischen Wahrheitskommission organisierte Treffen soll ein Akt der Anerkennung sein, in dem die ehemalige Senatorin ihre Aussage vor den Verantwortlichen der ehemaligen Guerilla FARC-EP machen wird.

Seit ihrer Rettung bei der „Operation Jaque“ am 2. Juli 2008 ist es das erste Mal, dass sich die bekannte Politikerin mit den ehemaligen Guerilleros trifft. Lange Zeit war ein Treffen auch deshalb undenkbar, weil sie sich durch ihre Aussagen trotz ihrer widrigen erfahrenen Umstände innerhalb der aufständischen Bewegung sehr unbeliebt machte. Außerdem werden andere bekannte Personen, die sich in der Gewalt der Guerilla befunden haben, an dem Treffen teilnehmen, darunter Alan Jara, der ehemalige Gouverneur der Provinz Meta.

Von Seiten der ehemaligen Guerilla werden die in heutigen Partei Comunes aktiven Rodrigo Londoño, Pastor Álape und Carlos Antonio Lozada anwesend sein. Anfang 2020 entschuldigten sich Rodrigo Londoño und andere Politiker der Partei in einem öffentlichen Brief bei den Opfern und räumten ein, dass es sich um einen „sehr schweren Fehler“ gehandelt habe. Bereits seit dem Friedensprozess und dem Verzicht auf das revolutionäre Gesetz 002, gab es zahlreiche auch interne Debatten.

Bei dem sogenannten Gesetz 002 zur Revolutionssteuer legte die FARC-EP im März 2000 fest, dass eine Friedenssteuer den Personen oder Körperschaften aufzuerlegen sei, deren Vermögen eine Million US-Dollar übersteigt. Sollte nach einer zweiten Vorladung keine Kooperation stattfinden, sollte eine Inhaftierung erfolgen. Eine andere Form der Gefangennahme war, wie im Fall von Íngrid Betancourt, das Faustpfand zur Freilassung von politischen Gefangenen und Kriegsgefangenen der FARC-EP aus den kolumbianischen Gefängnissen.

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Ausbau der politischen Arbeit der FARC-EP im Nordosten

Wie die verschiedenen Strukturen in den kolumbianischen Territorien agieren, zeigt ein aktuelles Kommuniqué der 28. Front „José María Córdoba“ der FARC-EP, die eng mit der 10. Front der FARC-EP und dem militärischen Ostblock unter Gentil Duarte kooperiert. In der letzten Zeit ist die 28. Front, die auch sehr stark in Arauca präsent ist und dort zuletzt die 10. Front im Kampf gegen die venezolanische Armee unterstützt hatte, sehr aktiv und erneuert mit dem Kommuniqué die Bereitschaft für die soziale und politische Arbeit. Allerdings wurde im Mai auch eine vermutlich für die Finanzen der Front verantwortliche Person festgenommen, dass Kommuniqué drückt damit auch die neuen Verantwortlichkeiten aus.

So werden in jeder Front verantwortliche Personen bestimmt, um mit den Gemeinden und auch zur Einziehung der Revolutionssteuer mit verschiedenen Institutionen in Kontakt zu treten. Diese Erklärungen werden dann über die sozialen Netzwerke verteilt und dienen der Informationsweitergabe. Die vom Generalstab bestimmten Personen handeln dann wiederum mit eigenen Vertrauten und so entsteht ein Netz von bestimmten Zellen, die politische und finanzielle Aufgaben übernehmen. Dies wird im aktuellen Kommuniqué beispielhaft deutlich. In Boyacá und Casanare sollen also die Strukturen neu aufgebaut werden.

Gepaart sind diese Informationen mit der Ansage, die Kleinkriminalität zu bekämpfen und in einen Stillhaltepakt mit der ELN zu treten. Die ELN ist in Arauca besonders stark und seit vielen Jahren gab es teilweise erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den beiden aufständischen Organisationen um die territoriale Kontrolle. Die Mitteilung im Kommuniqué der 28. Front ist also als ein Aufrechterhalten dieses Paktes zu sehen. Nichts destotrotz strebt die FARC-EP dort nach mehr Kontrolle. Zuletzt sorgten die Kämpfe zwischen FARC-EP und den venezolanischen Sicherheitskräften für Aufsehen, bei der die FARC-EP militärisch nicht besiegt werden konnte. Im Grenzgebiet hat die Guerilla ihre Strukturen zuletzt stark ausbauen können.

Dies zeigt sich in der Verankerung der aufständischen Bewegungen in den politischen und sozialen Organisationen der Region. Der Staat ist oft nur militärisch präsent und dringende Probleme der lokalen Bevölkerung werden oftmals nicht angegangen. Zuletzt gab es vor allem in Arauca eine Verhaftungswelle von Personen, teilweise in öffentlichen Funktionen von Behörden und Institutionen, denen vorgeworfen wird, Teil von politischen Strukturen der FARC-EP zu sein. Oftmals dienen solche Anschuldigungen aber auch zur grundlosen Verhaftung von politisch tätigen Personen, ohne dass diese einer Struktur einer aufständischen Bewegung angehören.

Anbei die Übersetzung des Kommuniqués aus dokumentarischen Zwecken:

 

Kommuniqué an die Öfentlichkeit

Brüderliche und bolivarische Grüße an alle Einwohner der Departements Casanare und Boyacá, an die sozialen Führer und ihre verschiedenen Organisationen, Menschenrechtsverteidiger, indigene Gemeinschaften, Bürgermeister, Stadträte und andere lokale Behörden.

An die Genossen der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) und anderer revolutionärer Organisationen.

An die nationale und internationale Gemeinschaft.

Diese Mitteilung ist informativ.

Erstens. Die Genossen Marlon Saravena und Wilder Castellanos sind die Verantwortlichen für die Lösung sozialer, arbeits- und wirtschaftlicher Probleme in den Gemeinden von Boyacá und Casanare.

Zweitens. Wir bekräftigen die Verpflichtung zu Einheit, Solidarität und Brüderlichkeit im Rahmen des Respekts gegenüber den Genossen der Nationalen Befreiungsarmee (ELN).

Drittens. Wir bekräftigen unser Engagement zur Bekämpfung von Armut, Drogensucht und Kriminalität, wie wir es demonstriert haben. Es wird keine Grenzen geben, um alle Geißeln zu beenden, die in der kolumbianischen Gesellschaft vorkommen.

Die FARC-EP ist eine revolutionäre Organisation mit der Berufung zur Macht, um die Struktur des kolumbianischen Staates zu ändern, der nur eine korrupte und ausbeutende Minderheit begünstigt.

Wir verabschieden uns mit einer brüderlichen Umarmung von allen Casanareños und Boyacenses.

Generalstab der 28. Front José María Córdoba

Berge und Savannen von Boyacá und Casanare, 8. Juni 2021

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Algeciras in der Spirale der Gewalt

Als Ende Mai, also vor einer Woche, in der ländlich geprägten Gemeinde Algeciras neun Personen auf einer Kaffeefinca ermordet wurden, zeigte sich die schwierige Sicherheitslage und die prekäre Situation dieser Gemeinde, die im Südosten der Provinz Huila liegt. Seit 2020 wurden bereits über 40 Einwohner getötet und Hunderte vertrieben. Auch wenn die Landwirtschaft hier stark vertreten ist, so zählt Algeciras zu den ärmeren Gemeinden in Huila. Und wie so häufig ist der Staat, außer in seinen staatlichen Sicherheitskräften mitsamt ihrer Repression, kaum präsent. Dabei hegte die lokale Bevölkerung nach dem Abschluss des Friedensabkommens zwischen der FARC-EP und der Regierung große Hoffnungen auf Frieden und Entwicklung, doch sie wurden bitter enttäuscht. Zudem verdeutlicht Algeciras einmal mehr, wie wichtig es gewesen wäre, die vom Konflikt betroffenen Gemeinden stärker politisch und wirtschaftlich zu unterstützen.

Leider ist Gewalt und der bewaffnete Konflikt in dieser Gemeinde nichts Neues. Die geographischen Bedingungen und seine Lage im nationalen Territorium machen Algeciras zu einem strategischen Korridor zwischen Caquetá und dem Osten des Landes mit dem Zentrum und dem Westen des Landes. Algeciras war in Zeiten der sogenannten Violencia in den 1950er Jahren Schauplatz von Konfrontationen und wurde mit dem Entstehen der Guerilla FARC-EP in den 1960er Jahren zu einer Bastion der aufständischen Bewegung. Die Bevölkerung akzeptierte die Schutzmacht gegen repressiven Staat und Paramilitärs und die Guerilla hatte mit der östlichen Kordillere eine bergige Region mit vielen Unterschlupfmöglichkeiten. Von 1965 bis 2013 griff der militärische Ostblock der FARC-EP zwölfmal die Gemeinde an und nahm die Stadt viermal ein. Besonders stark waren hier die 3. Front und vor allem die mobile Kolonne Teófilo Forero.

Nachdem im Rahmen der Waffenniederlegung zuerst Ruhe in die Gemeinde einkehrte, ist nun die Gewalt erneut zurück. Dabei ist manchmal nicht ganz klar, wer hier für die Gewalt verantwortlich ist, denn paramilitärische Strukturen schüren im Rahmen von Massakern, Bedrohungen und falschen Informationen Angst und nutzen dabei häufig die Namen von Strukturen der neuentstandenen FARC-EP. Fakt ist aber auch, dass sich neue Strukturen der FARC-EP in der Gemeinde positionierten. Seit 2018 und vor allem im letzten Jahr zeigten sich Strukturen wie eine Einheit Manuel Marulanda Vélez, eine Kommission der 62. Front, eine Einheit Óscar Mondragón der Kolonne Teófilo Forero der FARC-EP, Zweites Marquetalia, aber auch Personen aus der ehemaligen mobilen Kolonne Teófilo Forero, die sich nicht der FARC-EP, Zweites Marquetalia zugehörig fühlen.

Es folgte, wie so häufig in Kolumbien, eine Militarisierung der Gemeinde, jedoch ohne den Konflikt damit lösen zu können. Zum einen sind Armee und Polizei nur an wenigen Punkten stationiert und haben aufgrund der geographischen Bedingungen keinen Überblick über die Gemeinde. Vor allem jedoch muss der Konflikt politisch und ökonomisch gelöst werden, durch Investitionen in die Gemeinden, in die Infrastruktur und sozialen Dienstleistungen. Solange hier keine Entwicklungen stattfinden, solange der Konflikt, die Ungleichheit, die Korruption und die Umsetzung des Friedensabkommens nicht stattfinden, solange wird der strukturelle Konflikt auch nicht gelöst werden. In die Umsetzung zählen zum Beispiel die 170 Gemeinden, darunter Algeciras, die gemäß dem Abkommen mit einem Entwicklungsprogramm mit territorialem Ansatz (PDET) priorisiert wurden. Dies bedeutet Investitionen in den am stärksten vom Krieg betroffenen Gemeinden.

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Demobilisiert, aber nicht entwaffnet – kolumbianische Paramilitärs existieren weiter

Die letzten Wochen zeigen es deutlich. Der Paramilitarismus existiert weiterhin mit starken Strukturen in Kolumbien, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Während auf dem Land vor allem lokale Anführer*innen, Ex- Guerilleros oder linke Aktivisten die Opfer sind, machen die Paramilitärs in der Stadt Jagd auf Demonstrierende. Immer wieder sind Fotos von zivilen Personen mit Schusswaffen neben Polizeieinheiten aufgetaucht. Dies verdeutlicht die engen Verbindungen der staatlichen Sicherheitskräfte zu paramilitärischen Einheiten.

Auch andere paramilitärische Strukturen sind im Land präsent. Sie agieren losgelöst von einander und doch konzentriert gemeinsam. Zum einen geht es darum, ein Klima der Angst und des Durcheinanders zu schüren. Ziel ist dann die Militarisierung und die Vernichtung des politischen linken Gegners. Zum anderen gibt es auch Strukturen, die oftmals auch im Namen der Guerilla Terror schüren oder Personen erpressen. Und im Zuge des nationalen Streiks und der vielseitigen Massenproteste wurden regionale neue Selbstverteidigungstruppen in der Tradition der alten paramilitärischen Strukturen gebildet.

Immer wieder werden von der kolumbianischen Justiz aus diesen Einheiten Personen festgenommen, die vorher schon in paramilitärischen Einheiten aktiv waren. Dies zeigte sich bei der Festnahme der Staatsanwaltschaft von sechs Personen der sogenannten „Marqueteños“ in der Provinz Caldas, wo ein Teil der Festgenommenen zu den demobilisierten Vereinigten Selbstverteidigungskräften Kolumbiens (Autodefensas Unidas de Colombia – AUC) gehörten. Sie war eine große paramilitärische Armee, die während des bewaffneten Konflikts des Landes Zehntausende von Menschen tötete. Bei den Festgenommenen handelte es sich um Personen, die zudem am Gerechtigkeits- und Friedensprogramm für AUC-Mitglieder teilnahmen.

Im Mai wurde aber auch eine bekannte Person in der Provinz Meta festgenommen, die dort mit einer paramilitärischen Struktur in der Region von Puerto Lleras aktiv war. Der Norden von Meta war schon immer ein Epizentrum des Paramilitarismus. Andere Regionen waren Antioquia, aber auch der weite Norden Kolumbiens. Während also mit dem moralischen Finger auf die Guerilla gezeigt wird, sollte sich der Staat auch mit dem weiterhin existenten Problem des Paramilitarismus auseinandersetzen, der zunehmend an Stärke gewinnt. Gefördert wird er durch die Polemik der Regierung unter Duque, die den Frieden permanent angreift und eine linke castrochavistische Gefahr beschwört.

Große Strukturen existieren mit den „Caparros“ die nach der Entwaffnung der FARC-EP und dem Aufhören der 18. und 36. Front vor allem in Antioquia und Córdoba aktiv sind. Sie gehörten zuerst den „Urabeños“ an, lösten sich dann aber von ihnen ab. Die größte nationale Struktur ist der sogenannte „Clan del Golfo“, auch unter dem Namen der bereits erwähnten Urabeños sowie Autodefensas Gaitanistas de Colombia bekannt. Sie sind ebenso aus den demobilisierten rechtsgerichteten Paramilitärs entstanden und ausgehend vom Nordwesten in vielen Provinzen des Landes aktiv. Der Struktur gehören bis zu 4000 Personen an.

Mehr als 15 Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes über Gerechtigkeit und Frieden von 2005 – dem Rechtsrahmen, unter dem die AUC-Paramilitärs demobilisiert wurde – terrorisieren weiterhin Kriminelle, die in der Vergangenheit paramilitärischen Gruppen angehören, Kolumbien. Damals wurden nur ganz wenige zu im Vertrag vereinbarten verkürzten Haftstrafen verurteilt, stattdessen wurde die Mehrheit begnadigt und mit finanziellen Mitteln und Stipendien zur vermeintlichen Wiedereingliederung ausgestattet. Es ist eine Farce, wenn viele der ehemaligen Anführer heute wieder in diesen Strukturen auftauchen und Gewalt säen oder die Politik mit den Paramilitärs kooperiert.

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Wir lehnen die Ernennung des neuen Friedensbeauftragten ab

Über die neue Farce, einen Gegner des Friedensabkommens zum Friedensbeauftragten zu bestellen, richtet sich ein Kommuniqué der Partei Comunes (ehemalige Partei FARC). Dies zeigt einmal mehr, was die kolumbianische Regierung vom Freiden udn von der Umsetzung des Friedensabkommens hält:

 

Am Montag, den 24. Mai, kündigte Präsident Iván Duque den Rücktritt von Herrn Miguel Ceballos als Hochkommissar für den Frieden und in den nächsten Tagen die Ernennung von Herrn Juan Camilo Restrepo, der als Vizeminister für Landwirtschaft im Gebiet der ländlichen Entwicklung diente, an. Er war Präsident der AUGURA (Kolumbianischer Bananenverband), Vizeminister des Innern und Rechtsberater im Verteidigungsministerium.

Diese Ernennung wird zu einem für das Land entscheidenden Zeitpunkt erfolgen, wenn die Bürger auf den Straßen die Umsetzung des Friedensabkommens im Rahmen des Nationalen Streiks fordern.

Das Engagement der Regierung von Präsident Iván Duque für die Umsetzung in diesen zwei Jahren war nicht nur mangelhaft, sondern wurde auch ihren politischen Vorhaben angepasst. Hinzu kommen die Bemühungen der Regierungspartei, die Einhaltung des Friedensabkommens zu sabotieren und in den Krieg zurückzukehren.

Die Ernennung von Juan Camilo Restrepo wäre das Sahnehäubchen. Restrepo unterstützte von AUGURA offen die NEIN-Kampagne in der Volksabstimmung zur Bestätigung dessen, was in den Friedensdialogen in Havanna vereinbart wurde. Darüber hinaus war er als Direktor von AUGURA einer der 37 Spender des Komitees „Frieden ist für alle“, das laut Cuentas Claras [Klare Konten] des Nationalen Wahlrates 33 Millionen Pesos für diese Kampagne gespendet hat.

Wir respektieren die persönliche Entscheidung, sich gegen den Frieden zu stellen, aber eine andere Sache ist es, eine neutrale und unbeteiligte Haltung gegenüber der Entscheidung des Präsidenten zu beobachten, ihn zum Hohen Friedenskommissar zu ernennen, mit der falschen Verpflichtung, das Friedensabkommen treu einzuhalten. Wie wird er das unterzeichnete Abkommen umsetzen, wenn er es weder teilt noch daran glaubt?

Vor diesem Hintergrund ist die Ernennung von Restrepo zum Hohen Kommissar für Frieden nicht nur ein Spott über die Erwartungen des kolumbianischen Volkes an den Frieden, sondern auch ein Affront gegen die Mehrheit der kolumbianischen Bürger, die träumen, wollen und kämpfen, um den Frieden mit sozialer Gerechtigkeit und Frieden mit endgültiger Versöhnung in unserer Heimat aufzubauen.

Der Doktor Restrepo sollte im Einklang mit seinen Überzeugungen die Nominierung von Präsident Duque ablehnen und seine Arbeit ruhig fortsetzen, ungeachtet der Vorteile und Privilegien, die sich aus offiziellen Institutionen ergeben. Die Entscheidung von Präsident Iván Duque, in der Position des Hohen Kommissars einen erklärten Militanten des NEIN zum Friedensabkommen zu ernennen, kann nicht als einfacher Akt der Naivität, Nachlässigkeit oder Unwissenheit von seiner Seite angesehen werden. Es geht darum, einen verheerenden Schlag gegen die Umsetzung des Friedensabkommens zu versetzen.

Die Leistung von Miguel Ceballos war nicht anders, er übernahm nicht die Funktionen, die einem Hohen Friedenskommissar in Bezug auf die Umsetzung entsprechen, und im Gegenteil, er nutzte die Position als Sprungbrett, um seinen Namen im Deck der Präsidentschaftskandidaten vorzuschlagen.

Kolumbien muss ohne weitere Verzögerung auf den Weg zur Schaffung des Friedens zurückkehren.

NATIONALER POLITISCHER RAT

PARTEI COMUNES

  1. Mai 2021
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57 Jahre FARC-EP – 10 Jahre Kolumbieninfo

Im Jahr 1964 hissten achtundvierzig Kämpfer*innen, in großer Unterzahl an Personen und Waffen gegen eine militärische Übermacht, die Fahne des Widerstandes gegen eine oligarchische und korrupte Regierung. Mehr als 16.000 Soldaten wurden in den Kampf gegen die Bauern geschickt, die sich in den abgelegenen Regionen von der Gewalt des Staates geflüchtet hatten und dort ihr eigenes Leben organisierten. Die Operation Marquetalia, angeführt und unterstützt von der US-Armee, konnte nicht die Bauern und ihre politischen Ideale von Selbstverwaltung, Gerechtigkeit und Frieden zerstören. Die Arroganz des imperialistischen Militärs und der kolumbianischen Armee in der Operation Marquetalia waren der Beginn eines Widerstandskampfes, der jetzt schon 57 Jahre andauert. Zunächst als Antwort der Bauern und Teilen des Volkes auf die kriminelle Strategie der Regierung, später dann mit dem Ziel der politischen Macht, um einen strukturellen Wandel der Gesellschaft zu erreichen. Die FARC-EP wurden eine Volksmacht, die bis heute bestand hat.

Mehrere Friedensprozesse zwischen aufständischer Bewegung und den Regierungen scheiterten. Mehr noch, aus den Friedensprozessen heraus begannen Staat und verbündeter Paramilitarismus mit dem Zerstören der revolutionären Strukturen. Nach 1984 war es der systematische Massenmord an den Mitgliedern und Sympathisanten der aus dem Friedensprozess entstandenen linken Partei Unión Patriótica. Nach 1999, nach dem Friedensprozess von Caguán, begann eine noch nie dagewesene Militarisierung des Landes unter dem Deckmantel des Plan Colombia mit dem Ziel, die Opposition und die Guerilla zu vernichten. Und nach 2016, nach dem komplexen Friedensabkommen zwischen der FARC-EP und der Regierung Santos, begann eine Täuschung und eine Nichterfüllung, die eindeutig das Desinteresse der kolumbianischen Oligarchie an einem Frieden aufzeigte. Nur wenige Punkte wurden umgesetzt. Staat und paramilitärische Strukturen begannen mit der Vernichtung der demobilisierten Kämpfer*innen.

57 Jahre FARC-EP bedeuten auch 10 Jahre Kolumbieninfo. 10 Jahre Kolumbieninfo bedeuten auch 10 Jahre Solidarität mit dem revolutionären Prozess der Guerilla. Das sind 10 Jahre Aufklärung und Gegeninformation zu der bestehenden Desinformation, die von Regierung und Massenmedien als Form des Kampfes zur Delegitimierung der Guerilla genutzt werden. Wir hätten damals nicht gedacht, dass wir mit den Reflektionen zum 47. Jahrestag der FARC-EP aus dem Jahr 2011 solange Bestand haben werden. Aber die unzähligen Rückmeldungen, aus Kolumbien und dem deutschsprachigen Raum, vermittelten uns ein Bild der Wichtigkeit für solch ein Portal und des politischen Ansehens, um über eine der letzten großen aufständischen Bewegungen der Welt und die politische Situation eines sehr komplexen Landes aufzuklären. Diese 10 Jahre machen uns stolz, denn es gibt nicht viele Kollektive oder Gruppen, die über so einen langen Zeitraum im Kontext der internationalen Solidarität kontinuierlich arbeiten.

Mittlerweile sind auch für uns die Bedingungen in Kolumbien schwierig geworden. Schwierig, weil der revolutionäre Prozess in Kolumbien entzweit ist. Wir speisen uns aus Informationen, Freundschaften und Kontakten aus den verschiedenen Strömungen der „alten“ aufständischen Bewegung FARC-EP, die heute wieder in zwei großen Strömungen unterteilt ist und die sich im Rahmen des gescheiterten Friedensabkommens neustrukturiert hat. Wir speisen uns aber auch aus den Kontakten und Freundschaften zur der aus dem Friedensabkommen entstandenen Partei Comunes (ehemals FARC) sowie aus den mittlerweile parallel zur oftmals kritisierten Partei entstandenen Strömungen der Wiedereingliederung. Wir finden, dass alle benannten Strömungen eine Daseinsberechtigung in der Geschichte des Widerstandes in Kolumbien und der FARC-EP haben. Der bewaffnete und soziale Konflikt sowie die revolutionäre Bewegung in Kolumbien waren vielseitig und werden auch weiterhin vielseitig sein. Dies soll bei Kolumbieninfo Beachtung finden.

Dem Zweck der Dokumentation und Aufklärung verpflichten wir uns weiterhin, auch wenn soziale Kanäle gesperrt werden und der Repressionsdruck nie aufhören wird. Zu guter Letzt verweisen wir auf eine Passage im aktuellen Kommuniqué der FARC-EP, Zweites Marquetalia: „Wie schön ist es, den 57. Jahrestag der FARC unter dem Donner des sozialen Ausbruchs zu feiern, der eine politische Lösung für die Krise mit der Bildung einer neuen demokratischen Koalitionsregierung sucht, die uns an die Ufer der Zukunft, des Glücks des Volkes führen wird. Und wie gut es ist, sich unter diesen Umständen an unsere Gründerväter Manuel Marulanda Vélez und Jacobo Arenas zu erinnern und sich auch an alle Guerilleras und Guerilleros zu erinnern, die im Kampf gefallen sind, von Isaías Pardo im Jahr 1964 bis Jesús Santrich im Jahr 2021. Sie leben weiter im Kampf des Volkes. Salud Colombia.“

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ELN würdigt Jesús Santrich

Nach dem Tod von Jesús Santrich, der bei einem Angriff auf Einheiten der FARC-EP, Zweites Marquetalia, auf venezolanischen Territorium an der Grenze zu Kolumbien umgekommen ist, hören die Solidaritätsbekundungen nicht auf. Neben den Kommunistischen Parteien aus vielen lateinamerikanischen Ländern haben nun auch die ELN den Guerillakommandanten gewürdigt. In der wöchentlichen Zeitschrift „Insurrección“ des Zentralkommandos der Guerilla ELN wird ihm in der aktuellen Ausgabe 792 eine Seite in Form einer Zeichnung gewidmet. Dies verdeutlicht noch einmal, trotz aller Widersprüche zwischen beiden Guerillaorganisationen, seinen Stellenwert als national und international anerkannter politischer und künstlerischer Guerillero.

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Jesús Santrich – in Erinnerung

Noch herrscht Unklarheit über die Operation bzw. den Tod von Jesús Santrich, der im kolumbianisch-venezolanischen Grenzgebiet bei einem Angriff auf die FARC-EP, Zweites Marquetalia, am 17. Mai getötet wurde. In einem Kommuniqué, wir berichteten, erklärte die FARC-EP, dass es sich um ein kolumbianisches Kommando handelte, welches nach dem Angriff in einem gelbfarbenen Hubschrauber in Richtung Kolumbien zurückflog. Bisher äußerten sich weder offizielle kolumbianische noch venezolanische Stellen. Gerüchte gibt es viele, auch wir schrieben bereits, dass es unter anderem Spekulationen über einen Angriff der Bruderorganisation der FARC-EP unter Gentil Duarte oder gar venezolanischen Einheiten gibt, die hinter der hohen Geldsumme bei Hinweisen zum Ergreifen des Guerillakommandanten her gewesen waren. Gerade im venezolanischen Grenzgebiet gab es schwere Kämpfe und Auseinandersetzungen um die territoriale Kontrolle der beiden FARC-EP-Organisationen.

Unterdessen erklärten viele internationale Organisationen ihre Solidarität mit der FARC-EP und den Familienmitgliedern von Jesús Santrich. So gab es Bekundungserklärungen von verschiedenen Kommunistischen Parteien aus Argentinien, Mexico, Spanien, Türkei und Venezuela, aber auch von vielen anderen Organisationen, Gruppen und Personen. Auch die Bolivarische Bewegung für ein neues Kolumbien drückte ihre Solidarität aus. Es bleibt abzuwarten, ob weitere Informationen über den Tod vom Guerillakommandanten den Weg in die Öffentlichkeit finden werden. Auf jeden Fall ist es ein schwerer Schlag für die Guerilla, die in Kolumbien, aber auch in Venezuela um die politische und militärische Deutungshoheit mit der verfeindeten Bruderorganisation der FARC-EP um Gentil Duarte und Iván Mordisco kämpft.

Jesús Santrich, mit Klarnamen Seuxis Paucias Hernández Solarte, wurde 1967 in Tolú Viejo, Sucre, geboren. Seine Eltern waren Philosophielehrer vom Land. Daraufhin konnten sie ihrem Sohn eine adäquate Ausbildung und vor allem auch soziale Lehre über die Ungleichheit im Land ermöglichen. Er trat in jungen Jahren der Kommunistischen Jugend (JUCO) bei, wo er ständig aktiv war. Bereits 1985, dem Jahr der Gründung der Patriotischen Union (UP – Unión Patriótica), war es Teil dieser sozialen Bewegung und Partei, die seit der Gründung systematisch von Staat und Paramilitärs bekämpft wurde und schließlich in einem politischen Genozid endete. Tausende wurden letztendlich ermordet, was auch Jesús Santrich veranlasste, sich der Guerilla anzuschließen. Seinen Kampfnamen hatte er von einem Freund, der auch in der JUCO und der UP war und vom kolumbianischen Geheimdienst ermordet wurde.

Er ging zur 19. Front der FARC-EP an die Karibikküste. Schon früh war er aufgrund seiner universitären Ausbildung für die ideologische und politische Schulung zuständig.  Unter anderem arbeitete er für das Guerilla-Radio, dass man fast auf dem gesamten nationalen Territorium hören konnte. Ende der 1990er Jahre lernte er Iván Márquez kennen, heutiger Kommandant der FARC-EP, Zweites Marquetalia und langjähriger Freund. Iván Márquez übernahm in jenen Jahren das Kommando über den Karibikblock der FARC-EP. Jahre später kam Jesús Santrich in den Generalstab des Karibikblocks und sogar in den Generalstab der FARC-EP. In der Guerilla machte er sich mit Zeichnungen und Poesie einen Namen.

Im September 2012 kündigte die für Sondierungsdialoge mit der Regierung zuständige FARC-EP-Delegation auf einer Pressekonferenz an, dass Iván Márquez und Jesús Santrich das Verhandlungsteam der FARC-EP leiten sollte und der Dialog am 8. Oktober beginnen werde. Es war der große Aufstieg von Jesús Santrich, der international bekannt wurde. Während der vierjährigen Verhandlungen und Dialoge bestand die Arbeit von ihm darin, gemeinsam mit dem ehemaligen Friedenskommissar Sergio Jaramillo sorgfältig das „endgültige Abkommen zur Beendigung des Konflikts und zur Schaffung eines stabilen und dauerhaften Friedens“ auszuarbeiten. Doch eine juristische Inszenierung gegen ihn und ein Jahr Untersuchungshaft wegen angeblichen Drogenhandels bei gefälschten Beweisen und Zeugen, sorgten dafür, dass Santrich sich vom Frieden abwendete und erneut zu den Waffen griff.

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