Aktuell gibt es wieder einen Artikel über den Argentinier Facundo Morales, der als „Camilo“ oder „der Argentinier“ in der Guerilla der FARC-EP aktiv war und zuletzt durch sein Verschwinden in Kolumbien und Auftauchen bei der Dokumentation der Proteste in Bolivien in der Öffentlichkeit stand. Als Mitglied der Kommunistischen Jugend in Argentinien schloss er sich nach dem Friedensprozess von Caguán im Jahr 2003 der FARC-EP in Kolumbien an, welches er im Jahr 2002 erreichte und schaffte es aufgrund seiner universitären Ausbildung bis zum politischen Kommandanten der mobilen Kolonne Teófilo Forero. Immer wieder gab es vielseitige Gerüchte um internationale Kämpfer in der Guerilla, so auch zu Camilo, zu dem erst im Jahr 2010 Materialien auf einem Computer der FARC-EP gefunden wurden. In der Region El Pato, wo die Teófilo Forero ihre Basis hatte, war er bekannt, wenn auch kaum gesehen.
Im Rahmen des Friedensprozesses zwischen der FARC-EP und der kolumbianischen Regierung gab es unterschiedliche Gerüchte zu seinem Verbleib. Nach und nach lichteten sich die Erkenntnisse, auch wenn es immer noch Unklarheiten gibt. Vordergründig war in der zurückliegenden Zeit jedoch die Solidarität zu ihm, denn durch bestimmte Faktoren landete er auf einer Interpol-Liste, wurde festgenommen und droht nun – weit nach dem Abschluss des Friedensvertrages – seine weitere Inhaftierung und Auslieferung. Dabei gibt es eine Amnestie für die ehemaligen Kämpfer und hat er sich aus dem bewaffneten Kampf zurückgezogen. Es ist die Geschichte eines Kämpfers und Internationalisten, die zum Schluss mit Missverständnissen gespickt ist.
Eines dieser Missverständnisse ist seine Degradierung in der FARC-EP. Als politischer Kommandant der mobilen Kolonne Teófilo Forero im Südblock war er eine wichtige Person in der Hierarchie der aufständischen Bewegung. In seinen offiziellen Meldungen heißt es, dass er aufgrund einer kritischen Haltung zur Führungsriege der FARC-EP während des Friedensprozesses, von seiner Funktion entbunden wurde. Dies hat nichts mit der Abkehr vom Friedensprozess im Allgemeinen zu tun. Interne Quellen sagen jedoch, dass er wegen einiger disziplinarischen Vorfälle und seiner hohen Führungsebene und politischen Funktionen für die FARC-EP nicht mehr tragbar war. Unter anderem geht es um eine Feier und Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit mit Bauern in der Region El Pato. Sicherlich war er zum Schluss aber auch ein Kritiker in bestimmten Dingen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte.
Facundo Morales erklärt, während der Gespräche in Havanna eine kritische Meinung entwickelt zu haben. Er widersprach offen der Art und Weise, wie die FARC-Führung den Prozess durchführte. Er wurde in ein Gebiet versetzt, zu welchem er und seine ehemalige Einheit keinen Bezug hatten. Alle, die damals mit Facundo sprachen, stimmen darin überein, dass er die FARC-Führung in Bezug auf den Prozess ernsthaft in Frage gestellt hat. Er galt als ein unbequemer Charakter in den eigenen Reihen. Seiner Meinung nach ließ die Führung der FARC-EP die Basis im Stich, während sie alle Privilegien genossen. Es ist keine neue Kritik, sondern sie wurde oftmals von verschiedenen mittleren ehemaligen Kommandierenden geäußert. Aus diesem Grund wurde er einem Prozess unterzogen, in dem er von seiner Führung degradiert und aus den Einheiten und Gebieten entfernt wurde, in denen er Einfluss hatte. Der Befehl stammte angeblich von Joaquín Gómez, Oberbefehlshaber des Südblocks.
Sicher ist nur, dass Facundo Morales auch in dem neuen Gebiet die Führung der FARC-EP kritisierte, was ihn eine weitere Überwachung kostete und die Trennung von der Guerilla. Zwar gliederte er sich ab 2017 wie alle anderen ehemaligen Guerilleros in der Wiedereingliederungszone in La Carmelita in der Provinz Putumayo in das zivile Leben ein, doch er sah hier keine Zukunft mehr. Es gab wohl Probleme mit Papieren und Dokumenten, die damalige Regierung Argentiniens von Mauricio Macri sendete nie jemanden, um ihn beim offiziellen Prozess der Wiedereingliederung zu unterstützen. Zwar stand er auf der Liste der sich entwaffnenden Personen in der Guerilla, jedoch ohne Dokumentennummer. Die Partei FARC betont im November 2019, dass er freiwillig den Rückzug antrat. Dies wird jedoch den Umständen als persona non grata geschuldet sein.
Am 3. Juli 2017 verließ Facundo Molares La Carmelita, überquert ohne Papiere die ecuadorianische Grenze und kommt nach ein paar Wochen auf dem Landweg in Argentinien an. Als er Kolumbien verließ, gab es weder ein Gerichtsverfahren gegen ihn, noch wurde er von einer Behörde gesucht. Jahre später reiste Facundo nach Bolivien und wurde bei den Unruhen in Santa Cruz de la Sierra nach dem von Jeannine Yáñez geförderten Staatsstreich im Jahr 2019 schwer verletzt. In Bolivien wurde er ein Jahr lang inhaftiert, erkrankte zweimal an Covid-19, entwickelte Nierenversagen und Herzprobleme, die ihn an den Rand des Todes brachten, bis die argentinische Regierung seine Rückführung erwirkte und ein Flugzeug schickte, um ihn zurückzuholen. Nach Kolumbien ist er nie zurückgekehrt, noch gibt es Beweise dafür, dass er nach der Friedensunterzeichnung im Jahr 2016 Verbrechen im Land begangen hat.
Dies wird sogar im Auslieferungsersuchen klargestellt, dass die Staatsanwaltschaft von Florencia, Caquetá, im Oktober 2021 gestellt hat. Das Verbrechen, für das er gesucht wurde, war die Entführung des Ratsmitglieds Armando Acuña im Jahr 2009, bei dessen Freilassung Facundo zwei Jahre später intervenierte und in der Öffentlichkeit auftrat. Für diese Ereignisse war bereits der Kommandant der mobilen Kolonne Teófilo Forero alias El Paisa vor Gericht gestellt und verurteilt worden. „Wir waren wirklich überrascht, als wir am 7. November von einem Familienessen zurückkamen und eine Interpol-Delegation mit Haftbefehl und Auslieferungsersuchen vor uns stand“, sagt Hugo Molares, mit Blick auf die Aktion, mit der sein Sohn im vergangenen Jahr festgenommen wurde.
Dass die Staatsanwaltschaft in Kolumbien den Fall neu aufrollt, wird zwiespältig gesehen. Normalerweise gilt auf Grundlage des Friedensabkommens und des Amnestiegesetzes für Verbrechen in den Jahren 2010 und 2011 begangen wurden, dass die Gerichtsbarkeit bei der sogenannten Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) liegt, die Teil des Friedensprozesses ist. Nun behauptet die Staatsanwaltschaft, Molares sei nicht vor dem JEP akkreditiert. Hier kommt das Problem, dass er ohne Papiere im Land unterwegs war und keine ordentliche Akkreditierung im Rahmen des Friedensprozesses hat. Die Blockade durch die rechte Regierung Duque sorgte ebenfalls dafür, dass keine weitere Aufarbeitung und auch Erfüllung des Friedensprozesses stattfanden. Dies ist hinlänglich bekannt.
Dieser Umstand sorgt dafür, dass Facundo Molares in einem Gefängnis am Stadtrand von Buenos Aires weiterhin inhaftiert ist und auf eine Anhörung wartet. Dabei soll ein argentinischer Richter über seine Auslieferung entscheiden. Facundo Morales, seine Familie und seine Unterstützer wollen, dass sich die JEP dem Fall annimmt. Dies ist die Geschichte, der Weg, eines internationalen Kämpfers, die bisher in einer Tragödie landete. Der Ausgang ist offen. Wir als Solidaritätsnetzwerk berichteten regelmäßig über Facundo Morales alias Camilo und solidarisieren uns auch hiermit. Er mag als Person sehr streitbar und jähzornig gewesen sein, aber er war ein internationaler Revolutionär, der für eine gerechte Sache kämpfte. Freiheit für Facundo Morales! Freiheit für alle politischen Gefangenen!
Weitere Artikel:
Ein Argentinier in der Guerilla (Okt 2012)
Am 26. März 2008 starb nach einem Schlaganfall um 18:20 Uhr, umgeben von der Zuneigung seiner Krieger und seiner Gefährtin Sandra, in den Bergen im Süden Kolumbiens der heldenhafte und legendäre Manuel Marulanda Vélez, oberster Kommandant der FARC-EP. Er war eine revolutionäre Größe, nicht nur in Lateinamerika, sondern überall auf der Welt. Die Revolutionäre und Bolivarianer in der Welt drückten der FARC-EP in diesem Augenblick der Trauer und ihre bedingungslose Solidarität aus. Am 26. September, sechs Monate nachdem der Guerillakommandant seinen Weg in die Ewigkeit angetreten hatte, wurde seine Büste auf dem nach ihm benannten Platz im Viertel „23 de Enero“ in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, eingeweiht.
Die ersten Wahlen im Kontext des kolumbianischen Wahlmarathons sind nun vorübergegangen und die Linke mit der Liste des Pacto Histórico konnte dabei durch ihre Kandidaten Gustavo Petro und Francia Márquez sehr gute Ergebnisse einfahren. Im Vorfeld gab es Erstaunen, dass es keine direkte Aufforderung der aufständischen Bewegung gab, sich den Wahlen zu enthalten oder für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen. Insgeheim war klar, dass sich innerhalb der Guerilla auch alles auf die Liste des Pacto Histórico fokussierte, mit der Hoffnung, dass es endlich einen politischen Wechsel in der Regierung gibt. Auch wenn natürlich generell kritisch gesehen wird, dass sich die Parteien in einem etablierten politischen System befinden, dass in den zurückliegenden 200 Jahren für die Ausbeutung der Menschen bekannt war. Aber in der Guerilla der FARC-EP hatte sich in der Geschichte festgesetzt, dass die Macht mit der Waffe oder auch politisch erreicht werden könne.
Die Ziele, die man sich innerhalb der Partei Comunes gesteckt hatte, waren hoch. Die Partei, die aus dem Friedensabkommen der FARC-EP mit der kolumbianischen Regierung heraus entstanden ist, wollte wesentlich mehr Stimmen als bei den letzten Wahlen einholen. Damit wollten sie ihre Partei auf einem sicheren Fundament aufbauen. Man spekulierte sogar über eine Erweiterung ihre bisherigen Sitze im Kongress. Doch während des gestrigen Wahltages zum Kongress der Republik wurde klar, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde und die Partei weiterhin ein Nischendasein fristet.
Am Wochenende gab es erneute Militäroperationen im Norden von Caquetá, bei dem die Zivilbevölkerung attackiert wurde. Diese Angriffe des Militärs und die Stigmatisierung der lokalen Bevölkerung sind kein neues Thema, jedoch waren die Angriffe der Militärs dieses Mal so gravierend, dass unzählige regionale Organisationen einen Aufruf verfassten. Im Mittelpunkt steht die seit Jahren andauernde Operation Artemisa, die unter dem Deckmantel des Umweltschutzes durchgeführt wird um Waldrodungen zu verhindern, jedoch häufig angewendet wird, um im Kontext der Aufstandsbekämpfung Vertreibungen der Bevölkerung durchzuführen und damit der Guerilla den Nährboden zu entziehen.
Im Süden Kolumbiens, genauer gesagt in den Regionen Putumayo, Cauca und Caquetá, nimmt die Präsenz der FARC-EP weiter zu. Auch wenn durch den bewaffneten Streik des ELN auch im Cauca öffentlichkeitswirksame Aktionen erreicht wurden, so kann es doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit dem Westlichen Koordinierungskommando und seinen Strukturen der Westen in der Hand der FARC-EP ist. Ebenso sieht es mit den Provinzen Putumayo und Caquetá aus, in denen sich die Strukturen der Guerilla offen bewegen können. Einzig Konflikte zwischen den verschiedenen aufständischen Bewegungen der FARC-EP, also die beiden differenten politischen Linien, oder mit dem ELN sorgen für Spannungen. Obligatorisch bleiben als Akteure die staatlichen Sicherheitskräfte und paramilitärische Gruppen, die bekämpft werden. Klar ist, in dem bewaffneten Konflikt ist die Zivilbevölkerung das große Opfer.
Am Morgen des gestrigen Donnerstages führten kolumbianische Militärkräfte in der Gemeinde Puerto Rondón in der nordkolumbianischen Provinz Arauca eine große Militäroperation durch. Dabei wurden neben führenden Kommandierenden nach aktuellen Angaben über 20 Guerilleros der FARC-EP getötet. Unter den Toten soll sich auch alias Arturo oder Jerome befinden, ein Kommandant der 10. Front der FARC-EP. Es wird auch spekuliert, ob der politische Kommandant mit Namen Ernesto Devia Mejía starb. Dieser gab vor wenigen Wochen erst ein Interview, über das wir ebenso berichteten. Beide Kommandierenden gehören zur Linie um Iván Mordisco und Gentil Duarte und genießen großes Vertrauen in der Guerilla. Unter ihnen konnte die FARC-EP mit ihren Strukturen im Norden zuletzt ihren Einfluss enorm ausbauen, was zu Konflikten mit dem ELN und der FARC-EP, Zweites Marquetalia, führte.
Im Jahr 2022 sind bereits fünf ehemalige Mitglieder der FARC-EP, die sich im Prozess der Wiedereingliederung in das zivile Leben befinden, ermordet worden. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Guerilla und der kolumbianischen Regierung im Jahr 2016 sind über 300 ehemalige Guerilleros ermordet worden
Mit Besorgnis äußerten sich die im Prozess der Wiedereingliederung befindlichen ehemaligen FARC-Mitglieder aus der Provinz Caquetá nach einem Angriff auf Mitglieder in der Stadt San Vicente del Caguán mittels eines Kommuniqués. So gab es am Wochenende einen Angriff auf ein ehemaliges FARC-Mitglied mit Namen John Sebastián Rivas Narváez, als dieser aus dem Nichts Schläge und Tritte gegen den Kopf erhielt. Ein anderes Mitglied aus der Wiederreingliederungszone in Miravalle (Caquetá), wo beide herkommen und im Schutzsystem integriert und berechtigt sind, Waffen zu tragen, wollte daraufhin zur Hilfe kommen (Leonardo Agudelo Murillo). Es entwickelte sich eine Schießerei inmitten der Stadt.
Wie wir bereits vermutet haben, ist die Nachfolge des Oberkommandierenden des Comando Coordinador de Occidente (Westliches Koordinationskommando) schnell geregelt worden. So soll nun alias Mayimbú die Nachfolge als Kommandierender der verschiedenen Strukturen im Westen des Landes antreten. In einer gut funktionierenden Guerilla ist es üblich, dass militärische Ränge nach kurzer Zeit adäquat besetzt werden und Strukturen nicht „abhängig“ von einzelnen Personen sind. Nun wurde dies in einem Video öffentlich gemacht.
Immer wieder gab es in den zurückliegenden Jahren Meldungen in den Medien, dass die Gruppen der FARC-EP für großflächige Waldzerstörungen, Brände und systematische Abholzungen verantwortlich sind. Aktuell brennen wieder im Nationalpark Chiribiquete einige Punkte und sofort schlägt der Verteidigungsminister Alarm, dass die FARC-EP dahinterstecken würde. Häufig sind es jedoch kriminelle Strukturen, zugezogene Personen im Auftrag von Großgrundbesitzern und Strohmännern von Konzernen, die verantwortlich für die Umweltzerstörungen sind.