Noch herrscht Unklarheit über die Operation bzw. den Tod von Jesús Santrich, der im kolumbianisch-venezolanischen Grenzgebiet bei einem Angriff auf die FARC-EP, Zweites Marquetalia, am 17. Mai getötet wurde. In einem Kommuniqué, wir berichteten, erklärte die FARC-EP, dass es sich um ein kolumbianisches Kommando handelte, welches nach dem Angriff in einem gelbfarbenen Hubschrauber in Richtung Kolumbien zurückflog. Bisher äußerten sich weder offizielle kolumbianische noch venezolanische Stellen. Gerüchte gibt es viele, auch wir schrieben bereits, dass es unter anderem Spekulationen über einen Angriff der Bruderorganisation der FARC-EP unter Gentil Duarte oder gar venezolanischen Einheiten gibt, die hinter der hohen Geldsumme bei Hinweisen zum Ergreifen des Guerillakommandanten her gewesen waren. Gerade im venezolanischen Grenzgebiet gab es schwere Kämpfe und Auseinandersetzungen um die territoriale Kontrolle der beiden FARC-EP-Organisationen.
Unterdessen erklärten viele internationale Organisationen ihre Solidarität mit der FARC-EP und den Familienmitgliedern von Jesús Santrich. So gab es Bekundungserklärungen von verschiedenen Kommunistischen Parteien aus Argentinien, Mexico, Spanien, Türkei und Venezuela, aber auch von vielen anderen Organisationen, Gruppen und Personen. Auch die Bolivarische Bewegung für ein neues Kolumbien drückte ihre Solidarität aus. Es bleibt abzuwarten, ob weitere Informationen über den Tod vom Guerillakommandanten den Weg in die Öffentlichkeit finden werden. Auf jeden Fall ist es ein schwerer Schlag für die Guerilla, die in Kolumbien, aber auch in Venezuela um die politische und militärische Deutungshoheit mit der verfeindeten Bruderorganisation der FARC-EP um Gentil Duarte und Iván Mordisco kämpft.
Jesús Santrich, mit Klarnamen Seuxis Paucias Hernández Solarte, wurde 1967 in Tolú Viejo, Sucre, geboren. Seine Eltern waren Philosophielehrer vom Land. Daraufhin konnten sie ihrem Sohn eine adäquate Ausbildung und vor allem auch soziale Lehre über die Ungleichheit im Land ermöglichen. Er trat in jungen Jahren der Kommunistischen Jugend (JUCO) bei, wo er ständig aktiv war. Bereits 1985, dem Jahr der Gründung der Patriotischen Union (UP – Unión Patriótica), war es Teil dieser sozialen Bewegung und Partei, die seit der Gründung systematisch von Staat und Paramilitärs bekämpft wurde und schließlich in einem politischen Genozid endete. Tausende wurden letztendlich ermordet, was auch Jesús Santrich veranlasste, sich der Guerilla anzuschließen. Seinen Kampfnamen hatte er von einem Freund, der auch in der JUCO und der UP war und vom kolumbianischen Geheimdienst ermordet wurde.
Er ging zur 19. Front der FARC-EP an die Karibikküste. Schon früh war er aufgrund seiner universitären Ausbildung für die ideologische und politische Schulung zuständig. Unter anderem arbeitete er für das Guerilla-Radio, dass man fast auf dem gesamten nationalen Territorium hören konnte. Ende der 1990er Jahre lernte er Iván Márquez kennen, heutiger Kommandant der FARC-EP, Zweites Marquetalia und langjähriger Freund. Iván Márquez übernahm in jenen Jahren das Kommando über den Karibikblock der FARC-EP. Jahre später kam Jesús Santrich in den Generalstab des Karibikblocks und sogar in den Generalstab der FARC-EP. In der Guerilla machte er sich mit Zeichnungen und Poesie einen Namen.
Im September 2012 kündigte die für Sondierungsdialoge mit der Regierung zuständige FARC-EP-Delegation auf einer Pressekonferenz an, dass Iván Márquez und Jesús Santrich das Verhandlungsteam der FARC-EP leiten sollte und der Dialog am 8. Oktober beginnen werde. Es war der große Aufstieg von Jesús Santrich, der international bekannt wurde. Während der vierjährigen Verhandlungen und Dialoge bestand die Arbeit von ihm darin, gemeinsam mit dem ehemaligen Friedenskommissar Sergio Jaramillo sorgfältig das „endgültige Abkommen zur Beendigung des Konflikts und zur Schaffung eines stabilen und dauerhaften Friedens“ auszuarbeiten. Doch eine juristische Inszenierung gegen ihn und ein Jahr Untersuchungshaft wegen angeblichen Drogenhandels bei gefälschten Beweisen und Zeugen, sorgten dafür, dass Santrich sich vom Frieden abwendete und erneut zu den Waffen griff.
Kommuniqué der FARC-EP, Zweites Marquetalia, zum Tod von Jesús Santrich:
Die FARC-EP, Zweites Marquetalia, bestätigt in einem Kommuniqué den Tod vom Kommandierenden Jesús Santrich, der bei einer Militäroperation im venezolanisch-kolumbianischen Grenzgebiet getötet worden ist. „Wir informieren Kolumbien und die Welt mit Schmerz im Herzen von der traurigen Nachricht vom Tod des Kommandierenden Jesús Santrich, einem Mitglied der Leitung der FARC-EP, Zweites Marquetalia, der in einem Hinterhalt am 17. Mai von kolumbianischen Armeekommandos hingerichtet wurde.“
Das Comando Coordinador de Occidente der FARC-EP, zu Deutsch Westliches Koordinationskommando der FARC-EP, dass aus den Strukturen wie den Mobilen Kolonnen Jaime Martínez, Dagoberto Ramos, Franco Benavides und Urias Rondón, sowie den Fronten Carlos Patiño, Rafael Aguilera und Ismael Ruiz besteht, die in den südwestlichen Provinzen wie Valle del Cauca, Cauca und Nariño aktiv sind, erklärst sich solidarisch mit den sozialen Protesten in Kolumbien und hat dazu wiederholt ein Kommuniqué mit dem Namen „Der mutige Kampf des kolumbianischen Volkes“ herausgegeben.
Sowohl die FARC-EP als auch das Internationale Rote Kreuz haben die Gefangenname von acht venezolanischen Soldaten bestätigt. So soll die 10. Front der FARC-EP Martín Villa die Soldaten bei Kämpfen am 23. April festgenommen haben. In dem Kommuniqué des Generalstabs der 10. Front wird aber verdeutlicht, dass unter Einbeziehung von internationalen Protokollen die Übergabe der gefangenen Soldaten an eine internationale Kommission. In dem Kommuniqué sind die Namen der acht Kriegsgefangenen aufgelistet.
Es sind die größten und längsten andauernden Proteste in Kolumbien seit Jahren. Sie werden von allen Bevölkerungsgruppen getragen, auffällig ist jedoch, wie stark die Jugend bei den Protesten vertreten ist und wie kraftvoll und radikal die Proteste vorangetrieben werden. Sie zeigen dabei deutlich, dass es eine große Unzufriedenheit mit der Regierung und der korrupten Klientelpolitik gibt. Die Regierung antwortet wie so häufig mit Gewalt und Repression. Auch dies verdeutlicht, Kolumbien ist ein Land, bei dem eine Minderheit – auch mit Gewalt – die Interessen gegenüber einer Mehrheit vertritt. Wendet sich nun das Blatt?
Am 29. April des Jahres 2000 gaben die FARC-EP die Gründung einer neuen politischen Organisation mit dem Namen „Movimiento Bolivariano por la Nueva Colombia“ (kurz: MB) bekannt. Damit reagierten sie auf ihr Problem, keinen politischen Arm mehr nach außen zu haben. Die auf Deutsch heißende „Bolivarische Bewegung für das Neue Kolumbien“ sollte eine klandestine, aber in allen Bevölkerungsschichten – vor allem in der jungen Generation – breit aufgestellte Plattform aus vielen Zellen sein. Sie sollte die Politik der aufständischen Bewegung in der Bevölkerung verankern. Über viele Jahre bestimmte sie in weiten Kreisen die politische Diskussion der Guerilla in Schulen, Universitäten, Fabriken und auf der Straße.
Die FARC-EP, Zweites Marquetalia, hat nun das Projekt der Zeitschrift Resistencia wiederbelebt. Wenn auch nur in digitaler Form und von den Fronten im nördlichen wiederbelebten Block „Martín Caballero“, die maßgeblich vom politischen Kommandierenden Jesús Santrich geprägt sind. Die Zeitschrift Resistencia hat eine lange Tradition in der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation der aufständischen Bewegung. Neben der nationalen Ausgabe gab es über viele Jahre auch eine internationale Ausgabe sowie das Projekt in den 2000er Jahren, einer deutschsprachigen Ausgabe.
Neben den militärischen Schlägen verstärken die staatlichen Sicherheitskräfte auch durch Festnahmen und andere Operationen ihren Kampf gegen die FARC-EP. So gab es in einer kontrollierten Operation „Apolo“ in der letzten Woche mehrere Festnahmen von Mitgliedern der mobilen Kolonne Dagoberto Ramos. Die Operationen wurden teilweise zeitgleich durch Armee und Polizei an verschiedenen Orten durchgeführt.
Bei schweren Kämpfen im Cauca sind nach Armee- und Medienberichten bis zu 14 Guerilleros der FARC-EP getötet worden. Die Kämpfe fanden inmitten einer Militäroperation in der Gemeinde Argelia im Südwesten Kolumbiens in der Provinz Cauca statt. Im Fokus der Militäroperation ist dabei die Front Carlos Patiño der FARC-EP, die im Comando Coordinador de Occidente (Westliches Koordinationskommando) zusammengefasst sind. Diese sind mit den Strukturen im Osten unter Gentil Duarte und der 1. und 7. Front verbündet.
In einem mittlerweile gelöschten Video bei Youtube fordern die ranghohen Guerillakommandierenden Nicolás Rodríguez Bautista (ELN) und Jesús Santrich (FARC-EP, Zweites Marquetalia) die Einheit. Konkret fordern sie, die „Feindseligkeiten und umstandsbedingten Unterschiede“ zu beenden und sich für die Einheit der Revolutionäre einzusetzen. Zu finden ist der Aufruf auf einem der wenigen Kanäle, die derzeit für die Guerilla für kommunikative Zwecke erreichbar sind, nämlich Telegram (A Contracorriente PCCC). Auf diese Kanäle wollen wir auch hinweisen, da sich die kommunikativen Probleme mit Sperrungen von Konten und Beiträgen der aufständischen Bewegung seit geraumer Zeit hinziehen.
Die unter dem Namen Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común (FARC) gegründete und nun umbenannte politische Partei Comunes befindet sich weiter in einer schweren Krise. Davon zeugt der Austritt und die Äußerungen von Ramiro Durán, politischer Leiter der Partei in der Provinz Huila. Damit verschärft sich die Krise der Partei und immer mehr ehemalige Guerillakämpfer verlassen diese, weil sie mit der Führung und der politischen Ausrichtung nicht einverstanden sind. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die politische Partei eines der wesentlichen Säulen im Rahmen des Friedensprozesses war. Nun sind nur noch wenige ehemalige Guerilleros in der Partei, die eigentlich ihre Interessen vertreten und den politischen Kampf ohne Waffen fortsetzen wollte. Die Mehrheit hat der Partei Comunes mittlerweile den Rücken gekehrt.