Die Guerillastrukturen des EMC im Südwesten im Fokus

Durch die einseitige Aussetzung des Waffenstillstandes durch die kolumbianische Regierung ist der Friedensprozess und vor allem der Südwesten Kolumbiens mit seinen Guerillastrukturen in aller Munde. Es geht um das Agieren der Strukturen gegen die Bevölkerung, deren sozusagen ein Bruch des Waffenstillstandabkommens vorgeworfen wird. Tatsächlich sind diese Strukturen wesentlich autonomer, als die im Osten des Landes. Ihre Verpflichtung zu einem Friedensprozess ungenau. Hinzu kommt, dass sich einige Regionen im Südwesten des Landes im permanenten Konflikt mit anderen bewaffneten Akteuren befinden, während im Osten eine Dominanz der FARC-EP unter Iván Mordisco herrscht. Der Umgang mit der Bevölkerung ist anders, vor allem auch gegen die Bevölkerungsgruppen der Indigenen, die eigene Regeln des Zusammenlebens haben und sich eher nicht denen der Guerilla unterwerfen. Aber der Umgang ist auch abhängig vom Kommandanten einer Struktur. Viele Faktoren, die in so einem komplexen Konflikt eine Rolle spielen.

Nichts desto trotz sollte bei all der Aufregung nicht vergessen werden, dass die Ursache zwar in der versuchten Rekrutierung eines minderjährigen Indigenen durch die Guerillafront Dagoberto Ramos liegt, der Höhepunkt aber in der Festnahme von zwei Guerillakämpfern, darunter ein Kommandant, durch die indigene  Bevölkerung liegt, was dann zu einer Befreiung und Angriff der Guerilla auf die Zivilbevölkerung führte. Schon seit dem Auftreten der Guerilla in der von indigenen bewohnten Provinz Cauca gibt es Konflikte mit der Zivilbevölkerung, und hier vor allem mit den Indigenen, die ihre Streitpunkte in Autoritäten, Landbesitz und Regeln des Zusammenlebens haben. In der letzten Zeit spitzte sich dieser Konflikt zu, ob gleich auch in den Reihen der Guerilla indigene Personen kämpfen. Hinzu kommt der bereits oben erwähnte Konflikt mit anderen Akteuren, bei der oftmals die Zivilbevölkerung der Kollaboration mit dem jeweils anderen Akteur verdächtigt wird.

Dabei sind die Strukturen der FARC-EP, Zentraler Generalstab, schon seit Jahren in der Region aktiv und teilweise bestehen diese auch aus Kämpfern der alten FARC-EP, die sich seit 2016 entwaffnet und im Prozess der Wiedereingliederung ist. Doch wir schauen einmal etwas genauer auf den Zentralen Generalstab und auch auf den Südwesten. Der Zentrale Generalstab der FARC-EP, „Estado Mayor Central – EMC“ kann als Weiterführung oder auch Dissidenz der alten FARC-EP betrachtet werden, weil seine wichtigsten Kommandierenden dem Friedensabkommen von 2016 nicht beigetreten sind. Dies ist der Unterschied zur anderen neueren Fraktion der FARC-EP, dem Zweiten Marquetalia, die eine wiederbewaffnete Organisation sind, weil ihre Kommandanten dem Abkommen beigetreten sind. Beide Fraktionen sind aber gleichermaßen komplex in ihrer bisher kurzen Geschichte und führen sich jeweils als die authentische FARC-EP.

Die Geschichte wird beim EMC jedoch in ihrem Diskurs deutlich. Laut dem Kommuniqué der 1. Front vom Juni 2016 lehnte sie das Abkommen ab, weil es die wirklichen Probleme auf dem Land nicht löse, weil es nur die Entwaffnung und Demobilisierung der ausgelöschten FARC-EP zum Ziel habe und weil sie nicht darauf vertraue, dass das Abkommen umgesetzt werde. Wenn sie heute über die Gründe für ihre Existenz sprechen, verweisen sie auf die strukturellen Bedingungen, die den bewaffneten Konflikt ausgelöst haben und nicht mehr auf ihre Skepsis gegenüber der Umsetzung. Das Zweite Marquetalia begründete ihre Gründung mit dem Fehlen rechtlicher Garantien seitens des Staates und mit den Verzögerungen bei der Umsetzung. Sie entstanden erst später und ihr Oberkommandierender Iván Márquez war sogar der Verhandlungsführer, weswegen ihm sogar vom EMC Verrat an der revolutionären Sache vorgeworfen wird.

Das Wachstum des EMC verlief ziemlich linear, da die Organisation keine größeren Rückschläge erlitt, weder bei der territorialen Ausdehnung noch bei der Zunahme ihrer Kämpfer. Als die Fronten 1, 7, 16, 40, 62 und Acacio Medina im Osten des Landes im Jahr 2016 gegründet wurden, hatten sie schätzungsweise zwischen 400 und 600 Mitglieder. Jetzt hat sie über 3500 Mitglieder. In einer ersten Phase, zwischen 2016 und 2018, wurden die genannten Fronten koordiniert und dann durch die Fronten 10 und 28 zwischen Arauca und Casanare ergänzt. Zwischen 2019 und 2020 wurden dann die Strukturen im Südwesten des Landes aufgebaut, es kam ebenso die 33. Front in Catatumbo hinzu. Weitere Strukturen folgten vor allem im Süden und Westen Kolumbiens, vor allem auch in den Provinzen Cauca, Nariño und Valle del Cauca, wo aktuell der Waffenstillstand ausgesetzt ist. Hier erfolgte die Eroberung neuer Regionen vor allem auf militärischem Weg und vor allem gegen andere Akteure.

Der EMC begann als bewaffnete Organisation im Südwesten mit unterschiedlichen noch nicht miteinander agierenden Strukturen. Die Verbindungen zwischen ihren Kommandierenden waren brüchig, die Verbindungen zu einigen lokalen Gemeinschaften jedoch stark. Im Allgemeinen spalteten die damals neuentstehende FARC-EP die soziale Basis der ehemaligen FARC-EP: Ein Teil unterstützte den Friedensprozess und blieb in der Nähe der politischen Partei Comunes der ehemaligen Guerilla. Ein anderer Teil nutzte die Gelegenheit, um seine Unabhängigkeit zu erklären. Ein anderer Teil entschied sich dafür, eine direkte Beziehung zur Dissidenz aufzubauen. Und ein wiederum anderer Teil musste akzeptieren, dass der Krieg tatsächlich weiterging und eine kurze Phase der Ruhe zu Ende ging. Inmitten dieses Szenarios schufen die Strukturen Koalitionen von Befehlshabern, wobei jeder Befehlshaber über ein lokales Netzwerk verfügte, welches er mobilisierte, um ein gewisses Maß an Unterstützung durch die Gemeinschaft zu erreichen.

Um schließlich weiter zu wachsen, verbündete sich diese Koalition von Kommandierenden mit anderen Einheiten in anderen Teilen des Landes, etwa im Süden und an der venezolanischen Grenze, wodurch die horizontalen Verbindungen zwischen ihnen zunahmen. Es entstand eine Vereinigung der Strukturen. Mehrere dieser Einheiten im Südwesten hatten wichtige Verbindungen zu einigen Gemeinden, was ihre eigene Stärke und Expansion erklärten. Als beispielsweise 2018 die spätere Front Carlos Patiño in Argelia auftauchte, lehnten die Gemeindemitglieder und -anführer ihre Präsenz in dem Gebiet zuerst ab, so dass sie sich zurückziehen musste. Später, im Februar 2020, konnte sie jedoch in El Plateado und Umgebung eindringen und der ELN die Kontrolle entreißen, da die ELN nicht in der Lage war, die Kontrolle über das Gebiet zu übernehmen und die Bevölkerung müde von der ELN und ihrem Agieren war. Die Bevölkerung begrüßte sozusagen das erneute Eindringen der FARC-EP, die hier bereits vor dem Friedensprozess mit der 8. und 60. Front operierte.

Ein ähnlicher Prozess fand so bei der Front Franco Benavides in den Bergen Nariños statt. Die lokale Bevölkerung suchte Schutz vor paramilitärischen Gruppen und der Struktur Cordillera Sur, die damals Schrecken unter der Bevölkerung verbreitete. Es war nach dem Rückzug der FARC-EP im Kontext des Friedensprozesses ein Vakuum in vielen Landstrichen entstanden, welches von paramilitärischen Gruppen und ELN aufgesaugt wurde. Nun wollte die Bevölkerung, nach dem der Staat die Regionen weiterhin im Stich ließ, die alte Autorität zurück. Der Kontakt zwischen alten Strukturen der FARC-EP und auch ihren Milizionären, die weiterhin Teil der Zivilbevölkerung waren, riss also nie ab. So ist es zu erklären, dass zum Beispiel mithilfe anderer Guerillastrukturen die Regionen zurückgeholt wurden. Die Front Jaime Martínez unterstützte die Front Carlos Patiño bei der Rückeroberung in Argelia. Eben jene Struktur unterstütze auch die Front Franco Benavides.

Viele der Einheiten, die sich dem Projekt der Neubelebung der FARC-EP unter Gentil Duarte und Iván Mordisco angeschlossen haben, sind im Grunde genommen wieder bewaffnete Strukturen aus Guerilleros und Milizionären, die dann aber selbstverständlich neue Leute rekrutieren konnten. Sie standen vor großen Herausforderungen bei der Wiederherstellung einer sozialen Basis und der Sicherung von Waffen und Finanzen, während sie gleichzeitig versuchten, militärische Konfrontationen zu vermeiden, die sie in Gefahr bringen könnten. Aufgrund ihrer Kriegserfahrungen und der Mobilisierung von Gruppen ehemaliger Kämpfer konnten sie jedoch Wege finden, diese Probleme zu überwinden, sei es durch versteckte Waffen- und Gelddepots, normalisierte Verbindungen zu Gemeinschaften und ihren Familien oder Kontakte zu illegalen Wirtschaftsnetzen. Gentil Duarte entsendete alias Jhonier in den Westen, der schließlich die vorhandenen Strukturen zusammenführte und das Westliche Koordinationskommando schuf.

Die Zentralisierung durch Jhonier, der aus dem südlichen Guaviare im Osten des Landes kam, war ein Meisterstück. Man gewährte den Strukturen im Südwesten die noch heute vorherrschende Autonomie, trotzdem führte man sie dem Zentralen Generalstab (EMC) unter. Diese Diskrepanz im Agieren ist aktuell wieder besonders sichtbar. Heute besteht der Westblock Jacobo Arenas aus folgenden Strukturen mit ihrem Gründungsjahr: Front Jaime Martínez (2018), Front Dagoberto Ramos (2018), Front Carlos Patiño (2019), 30. Front Rafael Aguilera (2019), Kolonne Adán Izquierdo  (2020), Front Franco Benavides (2020), Mobile Kolonne Urías Rondón (2020), Front Ismael Ruíz (2020) sowie die Mobile Kolonne Alan Rodríguez (2022). „Óscar Sandoval alias Andrés Patiño oder El Mocho ist der Kommandant des Westblocks Jacobo Arenas. Er war Mitglied der ehemaligen FARC-EP seit 2010 und in der Mobilen Kolonne Jacobo Arenas. Im EMC war er ehemaliger Kommandant der Front Carlos Patiño.

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