Der Krieg gegen soziale Aktivist*innen in Kolumbien

Am Beispiel der kolumbianischen Bergregion Montes de María zeigen wir mittels historischer Verweise auf den systematischen Krieg gegen soziale Aktivist*innen.

Aus ganz Kolumbien erreichen uns die Nachrichten, dass soziale Aktivist*innen, Linke und ehemalige Guerillakämpfer*innen bedroht oder ermordet werden. Die Ermordung jener Personen, die oftmals eine wichtige Funktion in ihren Gemeinden und in den sozial-politischen Strukturen haben, wurde jüngst von Seiten der Regierung als systematisch anerkannt. Die systematische Bedrohung und Ermordung von Aktivist*innen und Linken erreicht derzeit einen hohen Grad und schwappt immer wieder in Phasen über das Land. Selbst die Vereinten Nationen zeigen sich besorgt. Dabei ist dieses Phänomen nicht neu, sondern gehört seit Jahrzehnten zur Strategie der rechten Elite, die sich aus den herrschenden Parteien, den transnationalen Konzernen, der Kirche und den Großgrundbesitzern zusammensetzt.

Eine der Regionen, wo die Strategie der Bedrohungen und Ermordungen von linken Kräften eine besondere Intensität fand und aktuell wieder auftritt, ist die Bergregion Montes de María in den Provinzen Bolívar und Sucre, nahe der Karibikküste gelegen. Diese tropische Bergregion ist seit den 1970er Jahren durch große Landbesetzungen und eine aktive Bauernschaft bekannt, war damit aber auch das Einfallstor für paramilitärische Gruppen, Kämpfe, Massaker und Vertreibungen. Mit der Politisierung der Bauern in den 1960er und 70er Jahren erfolgten beispielhafte soziale Kämpfe für ihre Rechte und für Landaneignungen des vor allem brachliegenden Landes, vor allem vorgetragen durch den Nationalen Verband der Bauern (Asociación Nacional de Usuarios Campesinos – ANUC).

Es waren schließlich die Großgrundbesitzer, die schon in jenen Jahren lose bewaffnete paramilitärische Gruppen aufstellten, die ihren Landbesitz und ihre wirtschaftlichen Interessen verteidigen sollten, häufig geduldet von den regionalen Eliten. Dies führte wiederum zu einer Bewaffnung der Bauern und Landlosen, die sich wie in den 1950er Jahren in Selbstverteidigungsgruppen zusammenfanden bzw. sich der Guerilla anschlossen. Schon Ende der 1970er Jahre, vor allem jedoch später ab Ende der 1980er Jahre entwickelte sich die Region zu einem Aktionsfeld der FARC-EP. Ab Anfang der 1990er Jahre war sie hier mit der 35. Front „Antonio José de Sucre“ und rund 200 Kämpfer*innen sowie mit der 37. Front „Benkos Biohó“ und rund 150 Kämpfer*innen präsent. Beide waren Teil des militärischen Karibikblocks der FARC-EP.

Dann, in den 1990, setzten die Grundbesitzer den Paramilitarismus auf ihre schärfste Weise durch. Sowohl unter den rechten paramilitärischen Gruppen, die unter dem legalen Deckmantel des Konstruktes der „CONVIVIR“, der sogenannten privaten Sicherheitskooperativen, als auch später mit dem Ziel der Zusammenfassung aller paramilitärischen Gruppen unter der „AUC“, der Vereinigten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens, die mit ihrem Nord-Block und später dem Block „Héroes de los Montes de María“, also Helden der Montes de María, anwesend waren. Die Paramilitärs übten nicht nur Terror in der Region aus, sondern kauften über Strohmänner große Landflächen, vertrieben die Bevölkerung, schafften sich somit Korridore für illegale Tätigkeiten wie Drogenanbau und -transport und wuschen ihr Geld.

Traurige Berühmtheit erlangte unter anderem das Massaker von El Salado im Februar des Jahres 2000. Mehr als 450 Paramilitärs, teilweise zusammengezogen aus anderen Regionen des Landes, folterten, enthaupteten und zerstörten Häuser und Menschen in dieser dörflichen Region. Dieser barbarische Akt dauerte über mehrere Tage an. Zunächst wurden etwa 30 bis 60 Menschen getötet, aber im Juni 2008 stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass es mehr als 100 waren und heute gibt es Meldungen, die sich auf noch mehr Opfer berufen. Einige der Opfer folterte man in der Kirche, andere in ihren Häusern und andere wiederum auf einem eigens herangeschafften Tisch auf dem lokalen Fußballplatz.

Dieser Terror sorgte dafür, dass die Bauern große Angst hatten sich zu organisieren und dies nur unter den Sicherheitsaspekten der Guerilla möglich war. Seit jeher sorgte die Guerilla nicht nur für militärischen Schutz, sondern in den Regionen ohne staatliche Präsenz auch für die sozial-politischen Strukturen eines guten Zusammenlebens. Dies bezog sich vor allem auf die rechtlichen Aspekte, so vermittelte die Guerilla bei lokalen Konflikten und sicherte durch Bestimmungen und Regelungen das öffentliche Leben, so dass Kriminalität, Korruption und Gewalt eingeschränkt wurden. In jenen Dörfern war es möglich, dass eine scheinbare Normalisierung der öffentlichen Ordnung erreicht wurde sowie das Wiederaufleben der gesellschaftlichen Prozesse kollektiver und kommunaler Organisation. Dies alles natürlich und den politisch-militärischen Interessen der FARC-EP und ihrem regionalen Kommandanten Martín Caballero.

Mit dem Wegbrechen der FARC-EP, auch wegen der Tötung des Kommandanten Martín Caballero im Jahr 2007, und erleichtert durch militärische und trotz der scheinbaren Demobilisierung der Paramilitärs durch Präsident Uribe im Jahr 2005 durch paramilitärische Operationen, wurden die Montes de María wieder ein Gebiet, in der die Landkonflikte aufbrachen und Gewalt die Bevölkerung überzog. Es war ein Krieg der niederen Intensität. Konzerne kauften das Land um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Eine politische und soziale Organisierung war nun aufgrund des Drucks von rechten Para-Gruppen und der staatlichen Repression nur schwer möglich. Hoffnungen gab es mit dem Friedensprozess der FARC-EP und der kolumbianischen Regierung und aktuell mit dem Friedensabkommen, in welchem politische Transformation, politische Betätigung und vor allem eine Landreform festgelegt worden sind.

Doch diese Hoffnungen scheinen derzeit wieder begraben zu werden. Nicht nur, dass die Umsetzungen des Friedensabkommens stocken und in Bezug auf die Landreform und politische Betätigung der marginalisierten Bevölkerungsgruppen fast gar nichts geschehen ist, sondern die Gewaltwelle, die Kolumbien durch paramilitärische Gruppen und der Ermordung von sozialen Aktivist*innen trifft, spitzt sich auch in den Montes de María immer weiter zu. Derzeit wird das Gebiet von den rechten Paramilitärs „Clan del Golfo“, auch „Autodefensas Gaitanistas de Colombia“ genannt, kontrolliert. Es hat einen Anstieg der Kriminalität gegeben, wird auch von Seiten der Regierung anerkannt. Im Fokus steht wieder einmal der Drogenanbau und Drogenhandel. Das Beeindruckende daran ist, dass die Einflusszone und die Routen, die in der Region verwendet werden, die gleichen sind, die die Paramilitärs vor 20 Jahren benutzten, wird von der Regierung berichtet.

Diese beiden Faktoren, der Landkonflikt und der Drogenhandel, sind die Gründe, die die Risiken erklären, denen die Bevölkerung und die sozialen Aktivist*innen ausgesetzt sind. Der Genozid an linken und oppositionellen Kräften geht indes weiter, so wurden in den letzten vier Tagen in El Peñol (Provinz Antioquia), in Cartago (Provinz Valle del Cauca) und in der Gemeinde El Tarra (Provinz Norte de Santander) Aktivist*innen ermordet. Damit sind es in diesem Jahr bereits 20 ermordete Aktivist*innen. Diese Zahlen machen deutlich, dass die Regierung es derzeit nicht schafft, oder wie auch schon unter dem rechten Präsidenten Uribe nicht will, dass eine politische Opposition und ihr Kampf um Gerechtigkeit genügend geschützt wird. Und so ist auch in den Montes de María, stellvertretend für viele Regionen Kolumbiens, der Krieg zurückgekehrt.

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