Ein kurzes Statement zur von der Regierung scheinheilig geführten Debatte gegenüber der FARC, obwohl das Thema wichtig ist, aufgearbeitet gehört und den Opfern Anerkennung zugesprochen werden muss.
„Wie können wir nicht empört sein, wenn die Rechte unseren Körper instrumentalisiert, unsere Geschichte, unseren Kampf, um ein anderes politisches Experiment zu zerstören?
Es fällt mir schwer, Wut zu vermeiden, wenn eine Genossin, Victoria Sandino, all dem Hass ausgesetzt sein muss, den die konservativen Kräfte entfesseln können.
Vergewaltigung, Zwangsabtreibungen, sexuelle Sklaverei … `Denunzieren´. Es ist nichts Neues in dem Angriff. Was ist es wichtig, wenn sie alle Maschinerie haben, um es im kollektiven Gedächtnis `wahr´ zu machen?“
Dies sind die einleitenden Worte von Violeta Narváez, Mitglied der FARC, auf die neue alte Debatte zu sexualisierter Gewalt in den Reihen der ehemaligen FARC-EP. Immer wieder in den zurückliegenden Jahren erhob die kolumbianische Rechte diese scheinheilige Diskussion auf die Tagesordnung, um einen medialen Krieg gegen die ehemalige aufständische Bewegung FARC-EP zu führen, sie zu diskreditieren und um von eigenen Verbrechen abzulenken und dabei die Deutungshoheit zu gewinnen. Klar, ihnen stehen dabei die Medien offen, die sich auf solche Geschichten stürzen und die Guerilla zu Monstern darstellen.
Trotz eines Friedensprozesses, trotz eines Abkommens und trotz dem Versuch einer Aufarbeitung der Geschichte der Guerilla und der des bewaffneten Konflikts sind die Zeiten des Hasses noch nicht vorbei. „Früher, als der Krieg uns selbst zu einer illegalen Gruppe machte und wir nicht viele Tribünen hatten, um uns auszudrücken, sagte die Rechte, dass die Frauen zum Eintritt in die FARC gezwungen wurden, gezwungen wurden mit den Kommandeuren zu schlafen, abzutreiben…“ Immerhin gibt es jetzt andere Möglichkeiten zu sagen, dass es nicht so ist, im Fernsehen, im Radio, in Büchern, in sozialen Netzwerken und im Kongress der Republik.
Dort, im Kongress, sah sich vor ein paar Tagen Victoria Sandino üblen Anschuldigungen ausgesetzt, sie wurde angeschrien und musste sich, statt politische Diskussionen zu führen, gegen diese Angriffe rechtfertigen. Um die FARC als linke Bewegung anzugreifen, sind sie eben nicht in der Lage, eine politische Debatte auf der Grundlage ideologischer Unterschiede zu führen, sondern nur durch Diffamieren, Lächerlich machen, Marginalisieren oder ohne Skrupel zu zerstören.
Dabei sind sie, die kolumbianische Rechte, diejenigen, die zwar in diesen Hetzkampagnen an den gesunden Menschenverstand und die Menschenrechte appellieren, aber dabei verbergen sie, was eigentlich ihr Denken und Handeln ausmacht: Sie sind nicht an der Autonomie der Körper von Frauen interessiert. Sie sind gegen die Abtreibung, einschließlich einer legalen, freien und sicheren. Sie stellen sich einem modernen Frauenbild in den Weg und sind festgefahren in den machohaften Strukturen und wollen keine autonomen, selbstbestimmten Frauen. Welch Heuchelei!
Sie treten als die Hauptprotagonisten der Frauenrechte ein, für die Opfer der sexualisierten Gewalt, doch sie sind diejenigen, die die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) und die Wahrheitskommission angreifen, deren maßgebliche Aufgabe es ist, die Wahrheit, die Täter und die Opfer des jahrzehntelangen Konfliktes in Kolumbien aller Akteure herauszuarbeiten. Weil sie wissen, dass der Staat, zum Beispiel in Form seiner staatlichen Sicherheitskräfte und seiner Paramilitärs, nicht unschuldig bei sexualisierter Gewalt ist. Im Gegenteil, anders als in der FARC-EP waren bzw. sind unter anderem bei den paramilitärischen Kräften die Fälle von sexualisierter Gewalt strategisches Handeln.
In der FARC-EP gab es in den Statuten eine klare Regelung zum Verbot von Vergewaltigung und sexueller Gewalt. Geregelt war dies im Punkt „J“. Die Bestrafung erfolgte über ein Kriegsgericht und wurde mit aller Härte vollzogen, mittel der Todesstrafe. Klar, die FARC-EP war keine perfekte emanzipatorische Bewegung und ihre Mitglieder nur ein Spiegelbild der kolumbianischen Gesellschaft. Die FARC-EP hat nie bestritten, dass es in ihren Reihen, wie auch im Rest der Gesellschaft, Fälle von sexueller Gewalt gegeben hat. Doch hier erfolgten eine Bestrafung und vor allem eine Thematisierung der Rolle der Frauen und ihrer Rechte.
Die kolumbianische Rechte weiß genau, dass die Frauen in der FARC-EP einen Ort der Leistung und Anerkennung gefunden haben, den es woanders nicht gab. Violeta Narváez bringt es auf den Punkt: „Wir befähigten uns selbst, ja, und nicht nur eine Waffe in unseren Händen zu haben, sondern auch politische Subjekte zu werden, die in der Lage sind, die Realität zu bestreiten, Protagonisten zu sein und aus dem Schatten zu kommen. Und dieses Recht hat der kolumbianische Staat den übrigen kolumbianischen Frauen nie garantiert.“ Der kolumbianische Staat greift auf Themen wie die „sexuelle Gewalt in der FARC“ zurück, um ihre Korruptionsskandale und ihre Nichteinhaltung der Friedensverpflichtungen zu vertuschen, sowie den Gegenüber (die FARC) zu delegitimieren.
In der Debatte und Anhörung zu den Opfern im Kongress ist nicht nur Victoria Sandino angegriffen worden, „sondern alle Mitglieder der FARC, die Gefallenen in diesem langen Kampf, diejenigen, die im Gefängnis sind und diejenigen, die auf Straßen und Dörfern sind, in der Erfüllung der Verpflichtung, die wir mit der Gesellschaft machten, um ein anderes Szenario für das Land und natürlich für die Frauen in Kolumbien zu eröffnen. Aber wir werden weiter Widerstand leisten. Davon hängt unsere wahre Emanzipation ab.“
Unterdessen erklärte Victoria Sandino die volle Bereitschaft an der Aufklärung zu sexualisierter Gewalt mitzuwirken. „Wir bringen unsere völlige Ablehnung gegenüber denjenigen zum Ausdruck, die im Rahmen des bewaffneten Konflikts geschlechtsspezifische Gewalttaten begangen haben, wir laden alle Opfer dieser Ereignisse ein, zu kommen und die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden zu unterstützen, um ihre Rechte zu gewährleisten.“ Wichtig wäre es, wenn die Regierung ihrer Verpflichtung ebenso nachkommen würde und Frauenrechte auch wirklich zu ihrer Agenda machen würde, anstatt politische Diffamierungen zum Eigennutz zu betreiben und eine reale Politik für Frauen außer Acht zu lassen.
In Kolumbien kam es am gestrigen Montag zu großen Demonstrationen und Kundgebungen in vielen Städten und Dörfern. Die großen Mobilisierungen fanden im Kontext zur Verteidigung des Friedens, des vereinbarten Abkommens und der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) statt.
Mit seiner Ankündigung, Einwände gegen das Statutengesetzt zur Friedensgerichtsbarkeit JEP zu erheben, macht Präsident Iván Duque deutlich, dass er zum einen deutlich an der Seite der extremen Rechte und der Partei Demokratisches Zentrum (Centro Democrático) steht und zum anderen, dass der Frieden und die Umsetzung des Vereinbarten keinen Wert für ihn hat.
Die südkolumbianische Provinz Caquetá ist eine der Regionen Kolumbiens, die am schwersten vom bewaffneten und sozialen Konflikt betroffen sind und die wiederum dadurch eine wichtige Funktion mit Symbolwirkung in der Friedensbildung einnehmen könnte. Hier gibt es exemplarische positive und negative Beispiele des Konfliktes und in der Friedensbildung, bzw. in der Umsetzung des Friedensabkommens, die nun kurz umrissen werden sollen.
Eine neue Posse im Fall Jesús Santrich, dem ehemaligen Kommandierenden der FARC, der von den USA des Drogenhandels bezichtigt wird und seit April letztes Jahr ohne grundlegende Beweise im Gefängnis sitzt, sorgt für Unruhe. So kam es am Sonntag zur Festnahme von mehreren Personen, darunter beteiligte in der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP), weil sie mittels Geldes als Teil einer Bestechung den Auslieferungsprozess von Jesús Santrich beeinflussen wollten. Schon der Fall Santrich besteht aus großen Fragezeichen und steht für die Torpedierung des Friedensprozesses. Dazu äußerte sich nun der Nationale Politische Rat der FARC:
In einem Kommuniqué solidarisiert sich die FARC aus Kolumbien erneut mit Venezuela und titelt gar von einer Schmach des kolumbianischen Präsidenten, dem nach dem erfolglosen Auftritt am Samstag das Blut des Zorns kocht. Und ja, vom vergangenen Samstag erhoffte sich die lateinamerikanische Rechte viel und der Samstag sollte der Kampftag sein, um die bolivarische Revolution zu stürzen.
Die letzten beiden Wochen zeigten noch einmal deutlich, wie wenig die Regierung derzeit unternimmt, um die Gewalt im Land zu stoppen bzw. einen Plan umzusetzen, um Mitglieder der FARC, soziale Aktivist*innen und politisch Engagierte zu schützen. Dabei sind die hier genannten Ereignisse nur ein kleiner Teil dessen, was an politischer Gewalt in Kolumbien passiert. Besonders Drohungen von paramilitärischen Gruppen nehmen stetig zu, parallel dazu gibt es einen politischen Kontext der Regierung unter Duque, dem Generalstaatsanwalt Nestor Humberto Martínez und dem Ex-Präsidenten Uribe zur Abschaffung bzw. Veränderung der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden und einer Kriminalisierung der sozialen Bewegungen. Es ist feststellbar, dass die Regierung derzeit versucht mit einer Politik der „Demokratischen Sicherheit 2.0“, eine Fortführung der repressiven und militärischen Politik von Uribe, vor allem sozialen Protest zu unterdrücken und den Kontext der Gewalt und seiner grundsätzlichen Probleme zu verschieben. Anstatt den Friedensprozess mit seinen vereinbarten Punkten umzusetzen werden alte Instrumente der rechten Elite wieder salonfähig gemacht und gibt es eine Rückkehr zum rechtskonservativen bis rechtsextremen Duktus.
Wir haben es ja schon durchklingen lassen. Nach der Niederlage der FARC bei den letzten Wahlen im vergangenen Jahr sollen nun zu den Kommunal- und Provinzwahlen die Strategien etwas anders aussehen. Die Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes will sich vor allem auf dem Land und in den Gebieten des Konfliktes, und auch dort wo ihre soziale Basis ist, breit aufstellen und mit progressiven Partien und sozialen Bewegungen zusammenarbeiten und koalieren.
In einem Interview mit der kolumbianischen Tageszeitung „El Espectador“ äußert sich der Chef der humanitären Organisation des Internationalen Roten Kreuzes, Christoph Harnisch, zum bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Unter anderem geht er auf die Klassifizierung der dissidentischen Gruppen der FARC als Akteure im Konflikt ein.
Neben der Partei FARC wird der politische Druck aus den linken Bewegungen auf die kolumbianische Regierung immer größer. Doch bisher lässt sie keine Absichten erkennen, den Genossen Jesús Santrich freizulassen. Zudem darf wieder einmal über die Übergangsjustiz und ihre Rolle gezweifelt werden.
Rodrigo Cadete, Führungsperson der dissidentischen FARC-Gruppen, stirbt nach einer Militäroperation von Armee und Polizei in Caquetá in der Nähe des Flusses Yarí. So gab es Bombardierungen der Luftstreitkräfte und schwere Kämpfe in der ländlichen Region, die bis jetzt anhalten sollen.
Mehrere Aufreger gab es in dieser Woche in Kolumbien, die einem zum Lachen bringen, wenn auch auf zynische Art und Weise.