Beleben wir neu die Bolivarische Bewegung

Auszüge aus einem offenen Brief des Movimiento Bolivariano por la Nueva Colombia (Bolivarische Bewegung für das neue Kolumbien) zur Neubelebung der klandestinen Organisation, die ihre Wurzeln im Jahr 2000 auf Initiative von Alfonso Cano hatte, einem der höchsten Kommandierenden der damals noch aktiven Guerillaorganisation FARC-EP. Die Bolivarische Bewegung sollte als politische und klandestine Massenorganisation der Mobilisierung der Bevölkerung dienen, um an der Seite der Aufständischen für Frieden, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Souveränität zu kämpfen. Seit geraumer Zeit gibt es die Intention, diese Organisation, die in Teilen auch nach dem Friedensschluss weiter bestand, neu zu strukturieren und auszubauen.

„Wir, die das Movimiento Bolivariano (Bolivarische Bewegung) bilden, und andere Landsleute, die verschiedene Sektoren des kolumbianischen Volkes beinhalten, Tausende von Bauern und Arbeitern, Männer und Frauen, Afros und indigene Völker, LGTBI-Bevölkerung, Jugendliche und Studenten, Intellektuelle und Künstler, Opfer des bewaffneten Konfliktes und ausgeschlossene Bewohner aus den großen Städten, Arbeitslose und Migranten, haben erlebt, wie die Hoffnung auf die heroische Errungenschaft eines Friedensabkommens zerbröckelt, welches mit Willen und gutem Glauben umgesetzt worden war, welches die Fortsetzung des Blutvergießens in der Heimat hätte verhindern können, was signifikante Fortschritte auf dem Weg zu einem inklusiven Land möglich gemacht hätte, die Wunden zu heilen, die in den Kolumbianern zurückgelassen wurden, die mehr als 55 Jahre staatlicher Vernachlässigung und einem anhaltenden Krieg gegen Mehrheiten in allen Aspekte des sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens hinterlassen haben.“

„Das Abkommen in Havanna mit dem kolumbianischen Staat zielte darauf ab, eine neue Ära für die Republik einzuleiten, wo die ersten Schritte für die effektive Umsetzung einer umfassenden ländlichen Reform unternommen wurden, die unsere Bauernschaft würdigen und die kolumbianische Landwirtschaft von Rückständigkeit befreien sollte. Dies war nur eine Illusion, über die sich das Establishment prompt lustig machte, bei den für die Bauern vereinbarten 10 Millionen Hektar log und ihre Politik zugunsten der Transnationalisierung von Agrarunternehmen, Landbesitzern und Finanzspekulanten fortsetzte.“

„Was sie heute das Ende des Konflikts und Niederlegung der Waffen nennen, wurde auf die einseitige und bedingungslose Kapitulation und Demontage der militärischen Kapazität der aufständischen und populären Armee FARC-EP reduziert, eine Geste, auf die der Staat reagierte, indem er die Perfidie über die Gesamtheit des Vereinbarten niederschmachtete und den Krieg zum Tod gegen ehemalige Kämpfer, soziale Führer und ganze Gemeinschaften wiederaufnahm. Ein schmutziger Krieg gegen soziale und politische Organisationen, der von der Unterzeichnung des Abkommens bis Juli dieses Jahres die traurige Summe von mehr als 500 Führern in den Gebieten und mehr als 140 getöteten ehemaligen Guerilleros erforderte; ein schmutziger Krieg, der de facto das im endgültigen Abkommen verankerte Versprechen demokratischer Offenheit vereitelt hat und das weiterhin die Möglichkeit behindert, politische Alternativen außerhalb der traditionellen Klientel und legaler und illegaler Mafias zu schaffen, was sich bei den nächsten Regionalwahlen zeigen wird.“

Weiterhin argumentiert das Movimiento Bolivariano mit anderen sozialen und vor allem politischen Aspekten, die das Friedensabkommen zunichte gemacht haben und das Leben der Kolumbianer beschneiden. Hierzu zählt die Veränderung des Systems Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung, SIVJRNR, sowie die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden, die zuletzt vor allem als ein Gericht gegen die aufständische Bewegung fungierten und nicht, wie eigentlich vereinbart, alle Akteure des Konfliktes im Blick haben sollte. „Die Feinde des Friedens haben die Rechtsunsicherheit für die Unterzeichner des Abkommens und die Änderung dessen, was von den Parteien vereinbart wurde, weiter verschärft. Juristische Montagen wie die konstruierte gegen Jesús Santrich, die Verlängerung des Gefängnisses für fast 400 Rebellen, die noch auf ihre Freilassung warten (…)“ und andere Fälle zerstörten das Abkommen.

„Die Millionen von Kolumbianerinnen und Kolumbianern, die an dieses Friedensversprechen glaubten, das der überwiegenden Mehrheit unseres Volkes zugutekommen würde, die vom Staat ausgeschlossen und vom Konflikt betroffen waren, erleben nun eine Art Rückkehr in die Vergangenheit.“ So wird die im Brief bezeichnete „Marionettenregierung“ von Duque die militärpolitischen Strategien vom ehemaligen rechtsgerichteten Präsidenten Álvaro Uribe Vélez fort. Es ist eine Wiederbelebung des Militärplans „Demokratische Sicherheit“ unter den globalen Plänen der NATO, von Washington gesteuert und mit dem Ziel der Aufstandsbekämpfung und Durchsetzung von wirtschaftlichen Interessen.

„Als Volk verzichten wir jedoch nicht auf unser Recht, eine souveräne Heimat zu sein, in Frieden zu leben mit sozialer Gerechtigkeit und Alternativen zu schaffen, um dieses kostbare Kapital für alle Kolumbianer zu verwirklichen“, so weiter im Schreiben. „200 Jahre nach dem Sieg in Boyacá ist es notwendig, die patriotische und `unsere amerikanische´ Ideologie zurückzugewinnen, um die Zukunft und Utopie aufzubauen und die gesamte soziale und politische Bewegung unter historischen und aktuellen bolivarischen Parolen wie Einheit, Souveränität, Unabhängigkeit und Frieden für ein neues Kolumbien zusammenzubringen. Die Fahnen bleiben gültig, da die Probleme, die noch nicht gelöst wurden, zugenommen haben.“

„Die Bolivarische Bewegung für das neue Kolumbien, angeführt vom historischen aufständischen Befehlshaber Alfonso Cano vor mehr als 19 Jahren, bedeutet einen Vorschlag, der noch in Kraft ist, in dem wir die Landsleute der Herzen und der Überzeugung treffen“, so der Brief. Auf vielseitige Weise soll für die Ursachen des kolumbianischen Volkes gekämpft werden. „Wir wollen uns auf alle Landsleute verlassen, die diesen aufgeschobenen Traum annehmen. Insbesondere hat uns unsere Kampfmoral tief bewegt und entzündet durch die heroische Geste von Jesús Santrich und das würdige und revolutionäre Verhalten von Iván Márquez und der ihn begleitenden Genossen, in durchsichtiger Weise durch historische Selbstkritik zum Ausdruck gebracht, als grundlegender Beitrag zur Neuorientierung aller emanzipatorischen und revolutionären Bemühungen. Mit diesen und vielen anderen Landsleuten wollen wir uns zusammenschließen, um den Rest der nicht zustimmenden Kolumbianer, organisierte und unorganisierte, Frauen, Männer, Jugendliche, Studenten, Indigene, Afros, Bäuerinnen und Bauern, konservativen und liberale Patrioten, neue Bürger, Pazifisten, Antipatriarchale und Antifaschisten zusammenzurufen.“

„Wir appellieren an die gesammelten Erfahrungen aus so vielen Jahren der Arbeit aufgrund der gerechten Gründe des Volkes, an die Würde und den Anstand, die angesichts so vieler Nichteinhaltungen und Perfidien gezeigt wurden (…)“, fordert die Bolivarische Bewegung alle Landsleute auf. Immerhin haben die Jahre im Untergrund und die aktuelle Situation auch für ein profundes Wissen gesorgt, „um die Flaggen und Losungsworte der Bolivarischen Bewegung für das neue Kolumbien wieder zu hissen.“

„Wir glauben, dass diejenigen, die das Gefühl haben, zum Kurs zurückkehren zu müssen, ihre Autorität und Erfahrung haben müssen, um die Vorschläge und Leitlinien, die uns aus dem Jahr 2000 und an der Spitze von Kommandant Alfonso Cano zur Gründung der Zellen eingeladen haben, einzuberufen und voranzutreiben, zur Konstituierung des Bolivarischen Patriotischen Rates, der aus einhundert Kolumbianerinnen und Kolumbianern besteht, die für ihr Engagement zum Wohle des Landes und für ihre moralische Ordentlichkeit bekannt sind sowie allgemein den Weg unseres Befreiers in Richtung eines neuen Kolumbiens zu gehen, das uns so viel gekostet hat.“

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