In den Medien mehren sich die kritischen Stimmen zum fünfjährigen Jubiläum des Friedensabkommens zwischen der FARC-EP und der kolumbianischen Regierung. Neben der aufständischen Bewegung FARC-EP, Zweites Marquetalia, die in einem Kommuniqué ihre Ablehnung zu dem Friedensabkommen begründete, meldeten sich auch namenhafte Personen aus der ehemaligen Guerilla zu Wort. So äußerte sich bereits der ehemalige Kommandant des militärischen Südblocks der FARC-EP, Fabián Ramírez, zu dem Konflikt mit der heutigen Partei Comunes und zu den Widerständen, sowohl bei den Friedensgesprächen als auch in der Umsetzung.
In diesem Kontext gab es auch ein Interview mit Joaquín Gómez, ehemaliges Mitglied des Sekretariats der FARC-EP und eine der kritischsten Stimmen innerhalb der Partei Comunes. Auch er war Kommandant im Südblock der FARC-EP, neben dem Ostblock eine der schlagkräftigsten Strukturen der Guerilla. Seiner Auffassung nach wartet das Friedensabkommen fünf Jahre nach seiner Unterzeichnung noch immer auf seine vollständige Umsetzung und die sich in einem kritischen Zustand befinde. Unter Santos gab es den Willen zur Umsetzung des Friedensabkommens zu sehen, während unter der neuen Regierung neben Blockaden und Änderungen des Umsetzungsprozesses vor allem auch eine öffentliche Positionierung gegen den Frieden stattfinde.
So sagt Joaquín Gómez, dass es in Kolumbien keine Sicherheitsgarantien für die Ausübung der Politik der Oppositionskräfte gibt. Dasselbe geschieht in den Bedingungen der Mobilisierung und des sozialen Protestes. Es gibt eine historische Verlängerung systemischer und sozialer Gewalt, das Zeigen die Zahlen der ermordeten Friedensunterzeichner und sozialen Aktivisten. Joaquín Gómez, bekräftigte die Verpflichtung, die die Mitglieder der ehemaligen FARC-EP mit der endgültigen Vereinbarung eingegangen sind. Doch statt den bewaffneten Konflikt von allen Seiten auf zu arbeiten findet eine historische Verurteilung der bewaffneten Rebellion und der Guerilla statt, sie auf einen kriminellen Apparat zu reduzieren und ihre Mitglieder zu demütigen.
Unter anderem stellte der ehemalige Guerillakommandant selbstkritisch fest, dass die sorgfältige und beschleunigte Waffenabgabe zu dem Stand der Umsetzungen von heute geführt hat. Dies bedeutet, ebenso wie es Fabián Ramírez sagte, dass die Waffenniederlegung richtig war, aber die Abgabe der Waffen als verlorenes Druckmittel angesehen werden kann. Viele Kommandierende aus der ehemaligen FARC-EP waren der Ansicht, dass man die Waffen erst nach Jahren abgeben wollte und nach einem bestimmten Stand der Umsetzung. Letztendlich konnte man sich gegen einige Personen aus der Führungsebene aber nicht durchsetzen, teilweise heute leitende Personen in der Partei Comunes. Doch dadurch wurde das wichtigste Druckmittel der Guerilla aus der Hand gegeben.
Fabián Ramírez wird in seinem Interview deutlicher. Es gab Leute, die davon sprachen, der Guerilla eine Frist von mindestens 10 Jahren bis zur endgültigen Waffenabgabe zu geben. Es sollte vorher eine totale Amnestie geben. Er macht einen Teil des damaligen Sekretariats verantwortlich, die in ihrem Eifer besetzt waren, Positionen im Kongress einzunehmen. Dies führte dazu, dass die Waffen abgegeben, aber das Abkommen nicht eingehalten wurde. Die Waffen als Druckmittel waren weg und es gab keine Amnestie für alle. Sie konnten Verbrechen für Guerilleros erfinden oder juristische Inszenierungen durchführen und dafür kam man dann erneut ins Gefängnis.
Ramírez und andere hochrangige Kommandierende der Guerilla wie Andrés París waren anerkannte Gegner von Rodrigo Londoño, alias‘ Timochenko‘. Deshalb wurden sie im Juni letzten Jahres aus der Partei Comunes ausgeschlossen. In der Auseinandersetzung ging es vor allem um ideologische Punkte und das Führen der Partei. Neben Joaquín Gómez gab es auch zahlreiche andere prominente ehemalige Kommandierende der FARC-EP und späteren Partei Comunes, die ausgeschlossen wurden. Heute spielt die Partei nur noch ein Schattendasein und viele andere Projekte der Wiedereingliederung haben sich parallel dazu entwickelt. Andere wie Jesús Santrich, Oscar Montero und Iván Márquez haben mit der Struktur „Zweites Marquetalia“ wieder zu den Waffen gegriffen.
Während Kolumbien in der Öffentlichkeit den 5. Jahrestag des Friedensabkommens feiert, wird im ländlichen Gebiet La Macarena einmal mehr deutlich, wie fragil der Frieden ist. Während Politiker und Prominente den Frieden loben, griffen am 18. November bewaffnete Gruppen das kollektive Sicherheitssystem der Friedensunterzeichner in einem Dorf in dem Gebiet von La Macarena an und setzten es in Brand. Dort befindet sich eine ehemalige Wiedereingliederungszone für ehemalige Guerilleros der FARC-EP, die seit ihrem Bestehen der Gefahr von sich wieder bewaffneten Gruppen der FARC ausgesetzt sind. Das Gebiet La Macarena, im Dreieck der Provinzen Caquetá, Meta und Guaviare gelegen, ist seit jeher eine Bastion der aufständischen Bewegung. Sie ist derzeit das Epizentrum des sogenannten südöstlichen Blocks um Gentil Duarte Iván Mordisco. Sie sind hier unter anderem mit der 1., der 7. und der 16. Front aktiv. Unter ihrem Kommando steht auch die Front Kommandant Jorge Briceño, ein Zusammenschluss aus Personen der alten Fronten 7, 40 und 62, die ihr Aktionsgebiet in La Macarena hat.
Zum fünfjährigen Jahrestag des Friedensabkommens der FARC-EP mit der kolumbianischen Regierung ist der UN-Generalsekretär am Montag eingetroffen, um sich mit den Opfern des bewaffneten Konflikts, Regierungsdelegierten und ehemaligen hochrangigen Führern der FARC-EP zu treffen. Der UN-Generalsekretär, António Guterres, wertete seinen Besuch als „Solidarität mit dem kolumbianischen Volk“. Auch der UN-Vertreter in Kolumbien, Carlos Ruiz Massieu bekräftigte, dass die Präsenz von Guterres in Kolumbien „eine Botschaft für das Land ist, auf dem Weg des Friedens und der Versöhnung fortzufahren“.
Während der Staat mit seiner paramilitärischen Praxis im Rahmen der Aufstandsbekämpfung häufig keine Gefangenen machen will und die Freilassung von Guerilleros schon gar nicht zulässt, zeigt die aufständische Bewegung ihre politische Haltung mit der Freilassung von ihren Kriegsgefangenen. So wurde einer Mission aus dem Büro der kolumbianischen Ombudsbehörde, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und der Katholischen Kirche die Freilassung eines Soldaten, der seit dem 4. November in Norte de Santander von Kämpfern der 33. Front der FARC-EP festgehalten wurde, übergeben.
Am Donnerstag, den 18. November 2021, gibt es ab 19 Uhr eine Online-Veranstaltung mit Vertretern der heutigen Partei Comunes, die sich im Rahmen des Friedensabkommens aus der FARC-EP heraus gegründet hat. An der Veranstaltung werden Rodrigo Londoño, Präsident der Partei Comunes, Sandra Ramirez, Senatorin der Partei Comunes und Gabriel Angel, Anwalt der Partei Comunes, teilnehmen. Moderiert wird die Veranstaltung von der „arbeitsgruppe schweiz-kolumbien“, kurz „ask!“, die auch in deutscher Übersetzung stattfindet.
Der Beginn der zweiten Woche des Monats November beginnt mitten in der Gewalt. Am 8. November wurde der soziale Anführer und Aktivist Luis Alberto Ramos Bertel in der Provinz Córdoba ermordet. Zuvor ereignete sich ein Mord an den sozialen Aktivisten und Gewerkschafters Robinson Jiménez in der Gemeinde Puerto Wilches, Provinz Santander. Die Kommission für Gerechtigkeit und Frieden verurteilte an diesem Sonntag die Verübung eines neuen Massakers in Kolumbien, diesmal ereignete sich der Vorfall in der Provinz Putumayo am 5. November, bei dem drei Personen in der Gemeinde Puerto Leguízamo ermordet wurden.
Immer wieder gibt es Diskussionen, ob der vor 10 Jahren ermordete Oberkommandierende der FARC-EP, Alfonso Cano, durch die Armee auf Befehl des Präsidenten hingerichtet wurde. Diese Thesen erhalten nun eine erneute Befeuerung durch einige ehemalige Angehörige der FARC-EP, wie Victoria Sandino. Schon 2014 während der Friedensverhandlungen in Havanna sagte Rodrigo Londoño alias Timochenko, dass Alfonso Cano in keinem wehrhaften Zustand gewesen sei und dass sich Präsident Santos dafür verantworten müsse. Auch heute noch ist diese Diskussion aktuell.
Am Wochenende (30.10.) haben sich 13 Personen aus der FARC-EP den offiziellen staatlichen Behörden ergeben. Dies vermeldeten mehrere hochrangige Offizielle, wie unter anderem der Hohe Kommissar für Frieden, Juan Camilo Restrepo Gómez, von seinem offiziellen Twitter-Account. Auch verschiedene Medien berichteten darüber. Dass sich Guerilleros den staatlichen Behörden ergeben ist nicht neu, aber dass sich so viele gemeinsam aus einer Struktur den Behörden übergeben, ist allerdings ungewöhnlich.
Bei der Bekanntgabe der erfolgreichen Operation gegen den meistgesuchten Mann des Landes wiederholte Präsident Iván Duque mehrmals, dass die Festnahme von alias „Otoniel“ der „wichtigste Schlag dieses Jahrhunderts gegen den Drogenhandel in Kolumbien“ sei. Mit dieser Operation sei das Ende des sogenannten Golf-Clans markiert, sagte er über die größte kriminelle und paramilitärische Organisation Kolumbiens unter der Führung des 50-jährigen Dairo Antonio Úsuga „Otoniel“ hinzu. Ohne weiteres mag dies ein wichtiger Schlag der Regierung sein, doch vor allem ist es ein politischer Sieg für eine Regierung, die zuletzt in den Umfragen als sehr gering in ihren Kompetenzen eingeschätzt wurde. Und militärisch sind die kriminellen Banden und paramilitärischen Organisationen damit auf keinen Fall zerschlagen, denn die Verbindung zur Politik, zu den Geschäftsleuten und auch zu den staatlichen Sicherheitskräften ist weiterhin gegeben.
Die Mexiko-Reise von Rodrigo Granda (häufig auch als Rodrigo Granada bezeichnet), einem ehemaligen Kommandanten und Mitglied der Internationalen Kommission der FARC-EP, endete Mitte dieser Woche mit seiner Verhaftung und Umkehr nach Kolumbien. Die Einwanderungsbehörde am Flughafen der Hauptstadt Bogotá verweigerte ihm die Einreise zu einem Seminar der linken Arbeiterpartei in Mexico, zu der er eingeladen worden war. Daraufhin beschuldigten Mitglieder der Partei Comunes den kolumbianischen Präsidenten, einen bei Interpol hinterlegten Haftbefehl aktiviert zu haben. Die kolumbianische Regierung teilte mit, dass es sich um ein Ersuchen Paraguays wegen Entführung, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und vorsätzlicher Tötung handelte. Rodrigo Granda hätte darüber bescheid wissen müssen, so die Regierung.
Eine Warnung und Besorgnis äußerten mehrere Offizielle in einem Bericht an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN). Sie forderten auch, dass ausreichend finanzielle Mittel für die Wahrheitskommission in den Haushalt 2022 aufgenommen werden. Diese ist ein wesentlicher Bestandteil des abgeschlossenen Friedensabkommens und soll die Geschichte des bewaffneten Konfliktes beleuchten und veröffentlichen.
Gegen die 1. Front der FARC-EP Armando Ríos wurde laut Medienberichten durch ein Bombardement ein schwerer Schlag vollzogen. Laut dem Kommandeur der staatlichen Streitkräfte General Luis Fernando Navarro gab es eine Militäroperation in der Provinz Guainía im Osten Kolumbiens. Dabei sollen 10 Guerilleros getötet worden sein, darunter der zweite Kommandant alias Mono Ferley. Die 1. Front Armando Ríos ist eine der wichtigsten Strukturen der FARC-EP um Gentil Duarte und Iván Mordisco. Sie löste sich als erste Struktur der FARC-EP noch während des laufenden Friedensprozesses ab und verkündete das Aufrechterhalten des bewaffneten Kampfes. Der Friedensprozess wurde als Verrat durch die oberen Kommandanten angesehen.