Druck und Repression im Südwesten Kolumbiens

Die kolumbianische Presse überschlug sich in den letzten Tagen mit der zynischen und freudigen Meldung, dass bei Militäroperationen zwischen den Provinzen Cauca und Nariño der Kommandeur der mobilen Kolonne „Jacobo Arenas“ Jorge Eliécer Zambrano Cardoso alias „Caliche“ getötet worden ist. Er starb zusammen mit sieben weiteren Guerilleros bei einem Angriff des Militärs. Während auf Kuba derzeit die Friedensgespräche stattfinden und nach einer politischen Lösung im Jahrzehnte andauernden bewaffneten Konflikt gesucht wird, intensivieren die staatlichen Sicherheitskräfte ihre Militäroperationen gegen die Guerilla. Doch nicht nur auf militärischer, sondern auch auf psychologischer Ebene wird der Krieg geführt. So sind es immer wieder die großen kolumbianischen Medien, die den Krieg gegen die Guerilla und Zivilbevölkerung rechtfertigen, ihr jegliche politische Legitimität absprechen und einen Keil in die Friedensbemühungen treiben wollen.
Mit dem Tod von Caliche ist eine der engsten Vertrauten von Pablo Catatumbo, der sich derzeit bei den Verhandlungen in Kuba aufhält, getroffen worden. Pablo Catatumbo gilt als eine der Führungspersonen in der FARC-EP und ist Mitglied des Sekretariats des Zentralen Generalstabs. Caliche war Mitglied im Zentralen Generalstab der FARC-EP und galt als Kommandeur eine der wichtigsten und aktivsten militärischen Einheiten innerhalb des westlichen Militärblocks „Alfonso Cano“, der mobilen Kolonne „Jacobo Arenas“, die vorrangig in den ländlich geprägten Gebieten von Valle del Cauca, Cauca, Nariño und Huila agiert. Mit dem Wandel der Militärstrategie, die historischen Gebiete der FARC-EP anzugreifen und spezielle aus Polizei und Militär bestehende mobile Einheiten einzusetzen, sind im Südwesten Kolumbiens die bewaffneten Auseinandersetzungen gestiegen.
Die der Regierung nahestehende Wochenzeitung „Semana“ berichtete am Wochenende, dass bei den letzten Schlägen des Militärs gegen die Guerilla die Einsatzfähigkeit der FARC-EP geschwächt wurde und seit der Durchführung der neuen Militärstrategie rund hundert Guerilleros demobilisiert, 61 gefangengenommen und 75 im Kampf getötet worden sind. Nach Schätzungen der Wochenzeitung befinden sich noch rund 1000 Kämpfer im Militärblock „Alfonso Cano“ unter Waffen. Zu den militärischen Strukturen innerhalb des Militärblocks gehören weiterhin die 6., 8., 29. und 64. Kriegsfront sowie die mobile Kolonne „Daniel Aldana“. Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, so werden regelmäßig Berichte der Streitkräfte über militärische Erfolge veröffentlicht, die eigenen Verluste aber verschwiegen.
Klagen gab es aus der Zivilbevölkerung, so wurde im Zuge der Militäroperationen von Massenverhaftungen, besonders von jüngeren Menschen, berichtet, die im Verdacht stehen, Mitglieder oder Sympathisanten der FARC-EP zu sein. Entsprechende Berichte gibt es aus der Stadt Puerto Tejada in der Provinz Cauca, wo an verschiedenen Tagen Jugendliche festgenommen, misshandelt und teilweise verurteilt worden sind. Mit dieser Repression ziehen sich die staatlichen Sicherheitskräfte nicht nur den Zorn der lokalen Bevölkerung zu, sondern sorgen auch für einen Kreislauf, so dass sich die Guerilla letztendlich keine Sorgen um Rekrutierung und Unterstützung machen muss. Die Provinz Cauca ist eine der historischen und sozialen Basen der FARC-EP.

Kommuniqué der FARC-EP zum Tod von Caliche 

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Kommuniqué von FARC-EP und ELN

In einem Kommuniqué von FARC-EP und ELN wird erneut die Zusammenarbeit zwischen beiden aufständischen Organisationen betont und die Militarisierung und Ausbeutung der Region Bolívar im Magdalena Medio kritisiert.
„Inmitten der intensiven militärischen Operationen, beratend durch die Nordamerikaner und mit der besten Technologie durchgeführt, unter dem angeblichen Vorwand den kanadischen Ingenieur Jernoc Wobert des multinationales Unternehmen Geo Explorer zu befreien, der durch ein Kommando der ELN in der Mine Casa de Barro de Norosí im Süden von Bolívar festgenommen wurde, haben sich die Befehlshaber der Kriegsfront Darío Ramírez Castro der ELN und des Blocks Magdalena Medio der FARC-EP in einem brüderlichen und einigenden Umfeld getroffen, um die akute Situation, die diese Regionen zu erleiden haben und um unsere politischen und militärischen Aktionen in der Region zu analysieren.“
So beginnt ein Kommuniqué der beiden Guerillagruppen Kolumbiens FARC-EP und ELN, das nun auf der Internetseite der FARC-EP veröffentlicht wurde und die Zusammenarbeit zwischen Organisationen unterstreicht. Seit einigen Monaten finden verstärkte Militäroperationen von staatlichen Sicherheitskräften und paramilitärischen Gruppen in den Regionen Bolívar und Antioquia statt, um angebliche entführte Personen zu befreien. Die militärischen Operationen, die Gefahr des paramilitärischen Terrors und die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen mitsamt ihrer sozialen und ökologischen Folgen durch transnationale Konzerne führen zu einer Zuspitzung der Lebenssituation der lokalen Bevölkerung. Seit geraumer Zeit gibt es deshalb in diesen Regionen eine enge Kooperation in der politisch-militärischen Arbeit der beiden Guerillagruppen.
In dem Kommuniqué werden alle Mitglieder und Unterstützer gegrüßt, die sich mit dem Kampf der Guerilla solidarisieren. „Nur die Einheit, die Selbstkritik und die Konsolidierung unserer Organisationen werden die Garanten für die Ziele und Aufgaben sein, die wir Revolutionäre zum Aufbau einer neuen Gesellschaft brauchen.“ Der von Santos geförderte großflächige Bergbau und die damit verbundene Ausplünderung der natürlichen Ressourcen führen für die lokale Bevölkerung zu Elend, Vertreibung und Repression gegen jene, die sich dem widersetzen wollen. Den lokalen Gemeinden werden der Bergbau oder landwirtschaftliche Tätigkeiten verboten, um den großen Konzernen den bestmöglichen Profit zu sichern. Die Repression gegen die organisierte Bevölkerung wird mittels Massenverhaftungen sowie dem Verbrennen und Zerstören von ihren Werkzeugen und Läden durchgeführt.
„Wir begrüßen mit Optimismus die Annäherungen, die ELN und die nationalen Regierung auf der Suche nach einem unblutigen Ausgang für die gravierenden sozialen Probleme des Landes vorantreiben. Ebenso schätzen wir den Umfang des bisher erreichten bei den Gesprächen zwischen der FARC und der Regierung in Havanna, Kuba, und sind davon überzeugt, dass nur die Teilhabe der Bevölkerung in diesem Rahmen den Erfolg in diesem komplexen Vorhaben garantieren wird. Der Schlüssel zum Frieden liegt in der Macht des Volkes.“ Unterzeichnet ist das Kommuniqué von der Kriegsfront Darío Ramírez Castro der ELN und dem militärischen Block Magdalena Medio der FARC-EP, dem mehrere Kriegsfronten in der Region unterstehen.
Wie zu Zeiten des Plan Colombia versucht die Regierung Kolumbiens mittels einer Militarisierung der Demokratie eine Kriegsführung durchzusetzen, die zur Herstellung der “nationalen Sicherheit” dienen soll. Den Streitkräften werden durch fadenscheinige Begründungen Sonderrechte und richterliche Befugnisse gewährt, die sich nicht mit den elementaren Menschenrechten vereinbaren. So gibt es präventive Festnahmen und die Schaffung von speziellen Gegenden für Militäroperationen, in denen die Bevölkerung drangsaliert wird, sich den Verordnungen von Militär und Polizei unterzuordnen, auch wenn diese zum Beispiel die Aufgabe von Haus und Hof beinhalten. Die Bevölkerung wird als Hauptfeind angesehen und volksnahe, gewerkschaftliche, linke und aufständische Organisationen als deren Anstifter beschuldigt.
Mit den neuen Lokomotiven für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, die im Besonderen den Bergbau und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen betreffen, hat sich Präsident Santos ein Instrument geschaffen, um den Neoliberalismus im Land weiter voranzutreiben und der auf der einen Seite zu Profiten bei der Oligarchie und den Konzernen, aber auf der anderen Seite zu Armut, Vertreibung und Repression bei der Bevölkerung führt. Die staatlichen Sicherheitskräfte stellen sich somit unweigerlich auf die Seite der Herrschenden und Ausbeutenden.

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Wikileaks über die Auslieferung von Simón Trinidad

In einer neuen Veröffentlichung von Wikileaks kommt nun heraus, dass der Ex-Präsident Uribe den damaligen Botschafter der US-Regierung, William Woods, bat, die Auslieferung von Simón Trinidad in die USA zu akzeptieren, obwohl gegen ihn in den USA strafrechtlich nichts vorzuweisen war und es zudem keine Ermittlungen gegen ihn gab. Trotzdem wurde dem Wunsch Uribes stattgegeben. Die Auslieferung von Simón Trinidad war Teil eines Erpressungsplans gegenüber der FARC-EP. Der Botschafter lieferte einen kolumbianischen Staatsbürger an ein fremdes Land aus, nur weil das Sekretariat der FARC-EP, das höchste Organ der Guerilla, nicht die Bedingungen von Ex-Präsident Uribe erfüllen wollte. Simón Trinidad sollte gegen 63 Kriegsgefangene ausgetauscht werden.

 
Die Auslieferung ist ein Mechanismus von Druck und Erpressung, der von Uribe besonders gegen die politischen Gegenspieler und die bewaffnete politische Opposition genutzt wird, sagte Raúl Reyes, Kommandierender und Mitglied  des Sekretariats der FARC-EP, am 21. Dezember 2004 in der Nachrichtensendung „Noticias Uno“. Zu diesem Zeitpunkt fehlten nur noch zehn Tage bis zur Auslieferung von Simón Trinidad an die USA. Uribe hat somit jede Gelegenheit genutzt und den Botschafter für seine Besessenheit missbraucht, um die Guerilla zu demütigen. Auch heute noch schießt er gegen unliebsame Gegner und versucht den derzeit stattfindenden Friedensprozess zwischen der Regierung und der Guerilla zu torpedieren.
 

Wahrscheinlich wäre Simón Trinidad sogar freigesprochen worden, wenn ihm nicht ein Prozess konstruiert worden wäre, in dem es um den Abschuss eines Spionageflugzeuges in Caquetá und die Gefangennahme von drei CIA-Agenten ging. Als Mitglied des Sekretariats sei er somit für diesen Vorfall verantwortlich gewesen. Simón Trinidad war jedoch weder zu diesem Zeitpunkt noch heute Mitglied des Sekretariats der FARC-EP. Trotzdem wurde er zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt, ohne dass er eine reelle Möglichkeit gehabt hat, sich verteidigen zu können. Die Friedensdelegation hat nun nach dem Bekanntwerden dieses Vorgangs die Forderung an die US-Behörden verstärkt, um eine Teilnahme von Simón Trinidad an den Friedensgesprächen in Kuba zu ermöglichen.

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13 Jahre Movimiento Bolivariano

13 Jahre Movimiento Bolivariano por la Nueva Colombia heißt 13 Jahre Widerstand!
Ein Kurzfilm (Spanisch) über die Geschichte und Aktionsform dieser Bewegung.

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Kompromisse und revolutionäre Prinzipienfestigkeit

Die FARC-EP als eine revolutionäre Organisation befindet sich mit der kolumbianischen Regierung in einem Friedensprozess. Das sich hierbei zwei  Gesprächspartner an einem Verhandlungstisch wiederfinden,  die grundsätzliche konträre politische Ziele verfolgen war den meisten Menschen zwar sowohl innerhalb, als auch außerhalb der FARC-EP durchaus bewusst.  Doch schon nach wenigen Wochen wurden die Unterschiede deutlich und sorgten intern und bei Sympathisanten der revolutionären Organisation für Diskussionsstoff, inwieweit eventuell abgeschlossene Kompromisse die Prinzipienfestigkeit der FARC-EP aufgeben. Ein Leitartikel im Zuge des bevorstehenden 1. Mai.
Eine allgemeine Grundbedingung für die politische Arbeit und das Erreichen von seinen politischen Zielen ist die Fähigkeit und Notwendigkeit, Kompromisse eingehen zu können. Klar ist, dass alleine der Gedanke vom Eingehen von Kompromissen wiederum andere Fragen aufwirft. Wann und unter welchen Umständen kann man Kompromisse eingehen? Mit wem und welchen politischen Kräften kann ich Kompromisse eingehen? Sind Kompromisse prinzipiell gleichzusetzen? Warum muss gerade jetzt ein Kompromiss abgeschlossen werden? Werden mit den Kompromissen die Aufgaben für die revolutionäre Sache aufgegeben?

All diese Fragen können nur beantwortet werden, wenn die Politik der revolutionären Organisation und die Geschichte und Taktik der marxistisch-leninistischen Organisationen erörtert werden. In Kolumbien bezieht sich dies nicht nur auf die Bestimmung der FARC-EP als linke Bewegung und ihren Zielen innerhalb des kolumbianischen Volkes, sondern auch auf die Geschichte des Landes, den Partner am Verhandlungstisch, die Mittel und Formen des Kampfes und das Kräfteverhältnis.

Besonders das Kräfteverhältnis, zum Beispiel in den jeweils örtlich und zeitlich bedingten Abschnitten des revolutionären Kampfes, spielt eine wichtige Rolle. Wie wirken sich die Kräfteverhältnisse innerhalb von Kolumbien, aber auch im internationalen Maßstab aus? Das Kräfteverhältnis lässt sich nicht alleine mit Zahlen bestimmen, also nach den jeweiligen zahlenmäßigen Unterstützern und Sympathisanten und schon gar nicht anhand von ökonomischen oder militärischen Kennziffern. Denn „Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet.“ (Marx/Engels, Werke, Bd. 16, S. 12) Zahlen nützen also nur etwas, wenn sie im Zusammenhang und in ihrer Bewegung gesehen werden.

Während der Oktoberrevolution in Russland sind die Bolschewiki nicht nur davon ausgegangen, dass die Arbeiterklasse zahlenmäßig relativ schwach war, sondern sie ließen sich auch davon leiten, dass sie als revolutionäre Kraft sehr organisiert waren. Und um die politischen Ziele zu erreichen, mussten sie sich mit den anderen Werktätigen und Schichten verbünden. Weiterhin war zwar rein faktisch gesehen ein zahlenmäßig größeres Kräfteverhältnis auf den Seiten der Kapitalisten, besonders im internationalen Bereich war die Umklammerung und die politische sowie militärische Stärke klar erkennbar, doch ein ungünstiges Kräfteverhältnis soll keinem zu politischer Passivität zwingen, denn mit Kompromissen zu politisch ähnlich gelagerten Organisationen, aber auch völlig konträr stehenden Verhandlungspartnern, kann eine solche Strategie für ein Maximum an revolutionären Veränderungen und ein Minimum an eigenen Verlusten sorgen.

Lenin schreibt dazu: „Die Kunst des Politikers besteht darin, die Bedingungen und den Zeitpunkt richtig einzuschätzen, wo die Avantgarde des Proletariats die macht mit Erfolg greifen kann, damit sie während und nach der Machtergreifung auf eine ausreichende Unterstützung genügend breiter Schichten der Arbeiterklasse und der nichtproletarischen werktätigen Massen rechnen kann, wo sie nach der Machtergreifung ihre Herrschaft dadurch behaupten, festigen und erweitern kann, dass sie immer breitere Massen der Werktätigen erzieht, schult und mitreißt.“ (Lenin, Werke Bd. 31, S. 36) Ohne Bündnisse, wie im Fall der FARC-EP im Fall die Zusammenarbeit und der Drang, die sozialen und politischen Bewegungen in den Friedensprozess miteinzubeziehen, oder dem Erkennen des eigenen Standpunktes innerhalb der historischen Linie, schließlich gibt es in Kolumbien einen Bürgerkrieg, der nun schon über ein halbes Jahrhundert andauert und was zu einer Negativstimmung in der Bevölkerung führt , können die politischen Ziele nicht erreicht werden.

Die FARC-EP kann den Kampf und ihre politischen Ziele nicht allein gewinnen. Das Kräfteverhältnis liegt militärisch zugunsten der Regierung, auch wenn die FARC-EP militärisch nicht besiegt werden kann. Die Zustimmung in der Bevölkerung ist zwar in vielen Gegenden groß, ein politischer Umschwung aber unrealistisch, weil viele Menschen den Krieg satt haben und politisch nicht überzeugbar sind. Die Friedensverhandlungen schaffen nun eine Bühne, auf der sich die FARC-EP in der Öffentlichkeit präsentieren und in denen sie Kompromisse und die Zusammenarbeit mit anderen politischen Kräften ausloten kann. „Einer der größten und gefährlichsten Fehler von Kommunisten (wie überhaupt von Revolutionären, die erfolgreich den Anfang einer großen Revolution vollbracht haben) ist die Vorstellung, dass eine Revolution von Revolutionären allein durchgeführt werden könne.“ (Lenin, Werke, Bd. 33, S. 213)

Kompromisse sind also notwendig, auch wenn man sie mit teilweise unliebsamen „Verbündeten“ eingehen muss. Hierbei muss sich die FARC-EP auf das Übereinstimmende und Verbindende konzentrieren und außerdem die Erreichbarkeit ihrer politischen Ziele und die historische Frage nach dem bewaffneten Kampf hinterfragen. Es darf aber auch nicht sein, dass die politisch-ideologischen Gegensätze vertuscht und die eigenen revolutionären Ziele komplett aufgegeben werden. Der Kampf um Frieden und für politische Veränderung in Kolumbien verlangt ein breites Aktionsbündnis der verschiedenen sozialen Schichten und politischen Kräfte. Unter Umständen umfasst es eben auch Teile der kolumbianischen Regierung oder politische Kräfte, die in historischen Zeitabschnitten als Feinde agierten. Lenin forderte in diesem Bezug immer das „strenge Auseinanderhalten von Schattierungen“ (Lenin, Werke, Bd. 5, S. 380). Frieden und politische Veränderungen liegen im Interesse aller Kolumbianer und Lateinamerikaner. Deshalb bestimmte Versuche nicht zu wagen oder bestimmte Kräfte auszuschließen würde zu einer Unglaubhaftigkeit führen.

Wichtig ist jedoch, bei Beginn einer politischen Aktion wie dem Beginn der Friedensverhandlungen, die Möglichkeiten eines politischen Sieges realistisch einzuschätzen, obwohl Erfolg oder Misserfolg wahrscheinlich nie genau vorhergesagt werden können. Doch sind bestimmte Faktoren gegeben, zum Beispiel ein Patt im militärischen Bereich, Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung oder generelle Schwierigkeiten bei der Vermittlung politischer Ziele in der Bevölkerung aufgrund von Gegenpropaganda und Repression, dann sind Verzögerungen im politischen Handeln denkbar schlecht. Die FARC-EP hatte in den letzten 10 Jahren mit einer politischen Isolierung auf nationaler und internationaler Ebene zu kämpfen. Manuel Marulanda Vélez, Oberkommandierender der FARC-EP bis 2008, sagte einmal, dass der größte Feind nicht die Polizei oder die Armee sei, sondern das isolierte Handeln einer revolutionären Organisation ohne großen Rückhalt in der Bevölkerung. Die Entscheidung, jetzt oder später Kompromisse einzugehen, um diese Missstände zu bekämpfen, scheint also der momentan richtige Weg zu sein.

Trotzdem darf die FARC-EP nicht Gefahr laufen, und ihre besonders in den letzten zwei, drei Jahren gewonnene politische und militärische Position (Konsolidierung und Stärke) aufs Spiel zu setzen. Lenin dazu: „Den Kampf aufzunehmen, wenn das offenkundig für den Feind und nicht für uns günstig ist, ist ein Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht `zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse zu schließen´ verstehen, um einen offenkundig unvorteilhaften Kampf ausweichen, sind keinen Pfifferling wert.“ (Lenin, Werke, Bd. 31, S. 63) Kompromisse, wie ihn die FARC-EP aktuell bedenkt, sind also zu unterscheiden von faulen Kompromissen, in denen das Leben einer revolutionären Organisation in Gefahr gerät, wo reaktionären Kräften unnötige Zugeständnisse gemacht werden und wo das eigene Kampffeld ohne Nutzen geräumt wird.

Es gibt also solche und solche Kompromisse; diejenigen, die in der aktuellen Lage als sinnvoll erscheinen und jene, die politischen Verrat bedeuten und eine revolutionäre Organisation in die Krise führen. Wie anfangs schon erwähnt, sollten die Begleitumstände und historischen wie politischen Bedingungen genau betrachtet werden. Denn die Stärke einer revolutionären Organisation wie der FARC-EP sollte es sein, dass sie nicht nur das tut, was sie beschlossen hat, sondern auch, dass sie die gesellschaftlichen Prozesse und Stimmungen richtig erkennt und die politische Arbeit daraus ableitet. Eigenes Fehlverhalten in der Geschichte und die eigenen Erfahrungen müssen selbstkritisch überprüft werden. „Das Verhalten einer Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei (…).“ (Lenin, Werke, Bd. 31, S. 42).

Fragen zur Einschätzung des Kräfteverhältnisses, der Strategie und Taktik im weiteren Vorgehen des bewaffneten und politischen Kampfes spielen aktuell bei der FARC-EP eine wichtige Rolle. Zum einen geht es der FARC-EP um eine militärische Verteidigungsfähigkeit und um die Möglichkeit, weiterhin Druck auf die Regierung ausüben zu können und ebenso um die Glaubwürdigkeit, wirkliche Veränderungen für die kolumbianische Gesellschaft herbeizuführen. Zum anderen hat die FARC-EP die kolumbianische Bevölkerung im Auge und eine Entwicklung, die im Interesse der Menschen steht. Frieden für Kolumbien ist dieses große Ziel, nach dem sich ein Großteil der Bevölkerung sehnt. Dafür müssen auch Kompromisse eingegangen werden. Revolutionäre Politik soll prinzipienfest sein, aber auch flexibel und kompromissfähig.
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FARC-EP präsentiert letzte Vorschläge zur Landfrage


In dieser Woche gab die Delegation der FARC-EP in Kuba ihre letzten Vorschläge und Ideen bekannt, mit der sie den Punkt der Landfrage, der politischen und sozialen Integration und der ländlichen Entwicklung in Kolumbien lösen wollen. Die Landfrage zählt zu den wichtigsten Punkten im Verhandlungskatalog der Guerilla und der Regierung Kolumbiens. Die FARC-EP hat im Kontext der Friedensgespräche seit dem 14. Januar dieses Jahres in verschiedenen öffentlichen Auftritten durch diverse Sprecher der Friedensdelegation ihre Vorschläge präsentiert. Diese Vorschläge stellen eine Erneuerung des historischen Agrarprogramms der FARC aus dem Jahr 1964 dar.
Der Katalog der FARC-EP hat die Besonderheit, dass viele Vorschläge der Guerilla in Zusammenarbeit und mit Hinweisen durch die bäuerlichen Organisationen und durch die Interessensvertretungen der Indígenas und Afroamerikaner entstanden sind. Die Vorschläge beinhalten unter anderem die Dezentralisierung, den Zugang zu Land, Autonomie, Punkte zur Landnutzung, Umweltschutz, zur Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen sowie die politische Teilhabe der Menschen auf dem Land. Die FARC-EP hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die einzige Möglichkeit in Bezug auf eine umfassende und integrale ländliche Entwicklung und der Anerkennung der Vereinbarungen nur durch eine verfassungsgebende nationale Versammlung legitimiert werden kann.
Der siebte Vorschlag der FARC-EP gilt als einer der interessantesten und sieht die Errichtung von sogenannten Zonas de Reserva Campesina (ZRC) vor, Schutzzonen für Bauern, in denen die Bauern ähnliche Rechte wie in den Gebieten von Indígenas und Afro-Gemeinschaften haben. Hier soll es kleine Landwirtschaftsbetriebe geben, die Eigentumsverhältnisse, der Großgrundbesitz und Interessen von agroindustriellen Konzernen sowie transnationalen Konzernen sollen hingegen stark eingeschränkt werden. Auch der letzte Punkt, veröffentlicht am Mittwoch, zog Interesse auf sich. Die vier Vorschläge beinhalten eine Reform und Umstrukturierung des kolumbianischen Staates bis hin zu einem Ende der neoliberalen Politik und Privatisierungen, die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung, eine Steuerreform sowie Vorschläge zu einer Veränderung des demokratischen Rahmens auf dem Land hin zu mehr Partizipation.  

Damit hat die FARC-EP in mehr als 100 Vorschlägen ihr historisches Agrarprogramm aktualisiert und in dem neu entstandenen Kompendium zu einer umfassenden ländlichen und integralen Entwicklung einen Ausgangspunkt für die Erreichung einen dauerhaften Friedens geschaffen. Iván Marquéz bedankte sich in der Erklärung ausdrücklich bei den sozialen und politischen Bewegungen sowie den Basisorganisationen auf dem Land für die Zusammenarbeit und Unterstützung. Er betonte als Vertreter der Friedensdelegation, dass nur eine tiefgreifende Agrarreform, die sich gegen Großgrundbesitz und die Veräußerung des Landbesitzes an ausländische Konzerne stellt, das Fundament für den ersehnten Frieden sein kann.

Erklärung der Friedensdelegation 

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Zweiter Jahrestag der Festnahme von Joaquín

Vor zwei Jahren erschütterte die Nachricht von der Festnahme Joaquíns unsere Herzen und offenbarte zugleich die Überraschung, wie sehr die Menschenrechte mit Füßen getreten werden und wie Venezuela sich an dieser fragwürdigen Aktion beteiligte. Ein kurzer Überblick…
Der 23. April ist der zweite Jahrestag der Festnahme von Joaquín Pérez Becerra, dem Direktor des Nachrichtenportals ANNCOL. Festgenommen wurde Joaquín im Jahr 2011 auf dem Flughafen Maiquetía in Venezuela bei der Ankunft eines Fluges aus Frankfurt/Main. In Venezuela wollte er seinen journalistischen Tätigkeiten nachgehen. Am 25. April wurde er von kolumbianischen Sicherheitskräften nach Kolumbien ausgeflogen, wo ihm der Prozess gemacht werden sollte.
Die Auslieferung eines schwedischen Staatsbürgers von den venezolanischen Behörden an Kolumbien ist höchst fragwürdig und widerspricht eigentlich dem sozialistischen und bolivarischen Staat. In Schweden war er erst mal sicher, schließlich ist er Opfer und Überlebender der linken Partei „Unión Patriótica“ (UP). Diese Partei entstand in den 1980er Jahren als Folge eines Friedensprozesses zwischen der Regierung Kolumbiens und der FARC. Für die „Unión Patriótica“ war Joaquín zwei Mal gewählter Ratsherr in der Gemeinde Corinto in der Provinz Valle del Cauca.
Mehr als 5000 Mitglieder und Sympathisanten der „Unión Patriótica“ wurden seit dem Bestehen systematisch von rechten Paramilitärs und mit Duldung des Staates ermordet. Heute spricht man auch von offizieller Seite von einem politischen Genozid. Mit Unterstützung der UP und der Kommunistischen Partei Kolumbiens konnte er in den 1990er Jahren nach Schweden ausreisen und politisches Asyl beantragen. Bevor er die Staatsbürgerschaft bekam, wurde ihm das Aufenthaltsrecht in Schweden gewährt.
Zusammen mit dem schwedischen Journalisten Dick Emanuelsson gründete er das linke und alternative Nachrichtenportal ANNCOL, das seit 1995 ein Forum für unabhängige linke Berichterstattung ist. Mit der Gründung wurde das Projekt kritisch seitens des kolumbianischen Staates betrachtet und von den Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden beobachtet. Doch es blieb nicht nur bei Beobachtungen. Mit gezielten Kampagnen und Morddrohungen sollte die Agentur ANNCOL zum Schweigen gebracht werden. Doch auch zwei Jahre nach der Festnahme des Direktors berichtet ANNCOL weiter und ist Sprachrohr für die linken Volksbewegungen, Gewerkschaften, Bauernvereinigungen und Studierendenorganisationen.
Joaquín wird nun beschuldigt, Mitglied der FARC-EP zu sein und für die aufständische Bewegung zu arbeiten. Hierbei wird sich auf falsche Informationen und Zeugenaussagen gestützt. Unter anderem werden Daten aus einem manipuliertem Computer benutzt, der während der Bombardierung auf ein Camp der FARC-EP im Jahr 2008 rechtswidrig angeeignet und vom Militär manipuliert wurde. Ein Gericht hatte unlängst beschlossen, dass diese Daten nicht für Gerichtsprozesse verwendet werden dürfen.
Von einem Spezialgericht wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt. Seine Strafe verbüßt er zurzeit im Gefängnis ERON/Picota in der Hauptstadt Bogotá.
Wir fordern die sofortige Freilassung von Joaquín Perez Becerra!
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Grüße der FARC-EP an Friedenskongress

Die Friedensdelegation der FARC-EP sendet Grüße an die Organisationen und Menschen, die am Kongress für den Frieden Mitte April in Bogotá teilgenommen haben. Anbei die Übersetzung der Erklärung.
Brüder und Schwestern: Nationaler Kongress für den Frieden, Völker zur Bildung eines Friedens für ein Leben in Würde.
Aus Havanna sendet die Friedensdelegation der FARC-EP einen herzlichen und enthusiastischen Gruß der Unterstützung an den Nationalen Kongress für den Frieden und Völker zur Bildung eines Friedens für ein Leben in Würde, welcher heute in Bogotá endet.
Wir sind in der Zeit eines demokratischen Friedens wie ihn das Volk fordert, ein Frieden mit sozialer Gerechtigkeit, der den Krieg und die Ungleichheit beendet. Für jene Verwirklichung, müssen wir alle Anstrengungen vereinen, die sich aus dem Volk ergeben. In der Summe aller von ihnen ernten wir die Früchte, die von immenser Bedeutung für das Wohlergehen unseres Volkes sind.
Wir hoffen, dass durch die Diskussion und offene Debatte aller Teilnehmer des Kongresses neue Mandate und Vorschläge entstehen, die sich in Input weiterentwickeln, um auch weiterhin den intensiven Kampf für den Frieden zu fördern, der zudem führt, wonach wir uns alle sehnen, dem Patria Grande.
Im aktuellen Kontext steht die frontale Debatte der rechtsgerichteten und militaristischen Feinde des Friedens. Sie repräsentieren die Vergangenheit und noch mehr die archaischen und reaktionären unserer Nation und wir dürfen unsere gemeinsamen Anstrengungen nicht verringern, um der öffentlichen Meinung und dem Volk zu zeigen was sie wirklich sind: die wahren Schuldigen dieser großen nationalen Tragödie und Schmerzen in Kolumbien.
Hiermit erhalten Sie unsere Wünsche für die Aufgabe die Ihrerseits zu erfüllt ist, wohl wissend, dass wir uns in diesem großen Kampf treffen und miteinander zu verbinden haben.
Mit Freundschaft und Solidarität,

Friedensdelegation der FARC-EP (22. April 2013)

Grüße der FARC-EP an den Friedenskongress (Spanisch) 

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Pause/Pausa

In Kürze sind wir wieder erreichbar.
Pronto llegamos de nuevo.

Kolumbieninfo

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Verleumdung gegen Joaquín

Joaquín Pérez Becerra ist Verantwortlicher der alternativen Nachrichtenagentur ANNCOL. Für die Unión Patriótica war er politisch aktiv und Stadtrat in der Gemeinde Corinto, seine Frau wurde wie viele andere auch ermordet.  Später ging er ins Exil. Er wurde am 21. April 2011 wurde er auf dem Weg von Schweden nach Venezuela in Caracas auf dem Flughafen verhaftet und wenige Tage später nach Bogotá in Kolumbien ausgeliefert. Sein Name tauchte in einer Liste von Interpol auf. Im September 2012 verurteilte man ihn zu acht Jahren Gefängnis wegen Mitgliedschaft in der FARC-EP. Trotz nationaler und internationaler Proteste bleibt er weiterhin in Kolumbien inhaftiert, obwohl er seit 1995 in Schweden lebte und seit dem Jahr 2000 schwedischer Staatsbürger ist. Seit dem sitzt er in La Picota, einem Gefängnis in Bogotá

Miguel Ángel Antolinez, der ebenfalls aus Stockholm in Schweden kommt, war der Kronzeuge im Prozess, die letztendlich zur Verurteilung führte. Nicht ganz klar ist die Rolle von Antolinez, der kurz vor dem Prozess Kontakt mit Geheimdiensten hatte. So macht der Verteidiger von Joaquín Rodolfo Ríos Lozano auf seine Unwahrheiten im Prozess vor dem Siebten Strafgericht aufmerksam. Nicht eine seiner Aussagen konnte verifiziert werden. Der Kronzeuge behauptete, dass er Joaquín im Sitz der Kommunistischen Jugend (JUCO) in Bogotá kennengelernt habe und dort soll er ihm in den 80er Jahren den Eintritt in die FARC angeboten haben, sagte der Verteidiger. Auf der anderen Seite sagte der Kronzeuge aus, dass er Joaquín in einem Ort in Caquetá kennenlernte und dass er stetig Kontakt zu Kommandierenden der Guerilla hatte.
Diese widersprüchlichen Aussagen sollen nun von seinem Verteidiger aufgerollt und bezüglich einer strafrechtlichen Verleumdung untersucht werden. Joaquín sagt von sich aus, dass er nie Mitglied bei JUCO gewesen sei, schon gar nicht in Bogotá, da er aus Cali komme. In Cali war er für die Kommunistische Partei (PCC) aktiv und später für die Unión Patriótica (UP) in Corinto, im letzten Ort zwei Amtszeiten. Außerdem fügt er hinzu, dass er nie in Caquetá gewesen ist. Nun gibt es einen Aufruf an die genannten Organisationen und besonders an Personen gleichen Alters, die zum einen Informationen über den mit Falschaussagen auftretenden Antolinez aufwarten können, oder die bestätigen können, dass Joaquín nie Mitglied bei JUCO in Bogotá gewesen ist bzw. die ihn generell wegen seiner politischen Laufbahn in den anderen Organisationen entlasten können.

Solidarität und Freiheit für Joaquín!

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Chocó – Reiches armes Land



Der Chocó ist ein Departement in Kolumbien, das durch eine reiches Ökosystem und wertvolle Bodenschätze, aber auch durch seine Armut und eine permanente humanitäre Krise auffällt. Aktuell sind zum Beispiel Zehntausende durch akute Regenfälle und Überschwemmungen betroffen. Doch es regt sich auch Widerstand.
Allgemeines
Das Departement Chocó liegt im Nordwesten von Kolumbien an der Grenze zu Kolumbien, ist so groß wie der Staat Dänemark und hat Zugänge sowohl zum Pazifik als auch zum Atlantik. Mehr als 440.000 Menschen leben hier, davon in Quibdó, der Hauptstadt des Departements rund 160.000. Der Anteil der Bevölkerung mit afrikanischer Herkunft beträgt mehr als 80 Prozent und der Anteil der Menschen mit indigenen Wurzeln liegt bei fast 10 Prozent. Damit unterscheidet sich die Bevölkerungsstruktur klar von der des übrigen Kolumbiens, wo der Anteil der ersten Gruppe bei 20 Prozent und die der Indigenen bei offiziell nur 2 Prozent liegen. Die Spanier brachten im 17. und 18. Jahrhundert viele afrikanische Sklaven in diese Region, weil hier große Goldfunde vermutet wurden und billige Arbeitskräfte für die Minen gebraucht wurden. Auch heute noch ist der Bergbau neben der Land- und Forstwirtschaft die wichtigste wirtschaftliche Einnahmequelle. Der Chocó wurde erst im Jahr 1947 ein eigenständiges Departement und gilt heute noch aufgrund der Infrastruktur als eine der vergessenen Regionen des Landes.
Soziales
Studien der Vereinten Nationen zur Folge leben rund 70 Prozent der Chocoaner in Armut und rund 40 Prozent sogar in extremer Armut, obwohl fast die Hälfte des abgebauten Goldes in dem Departement gefördert wird. Die geringen Investitionen in die Wirtschaft, die fehlende Infrastruktur und der bewaffnete Konflikt sorgen für weitreichende soziale Probleme wie eine hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate. Wie überall in Kolumbien gibt es eine besonders durch die Regierung und Paramilitärs geschürte Landflucht und die Menschen versuchen sich in den marginalen Vierteln am Rande der Städte oder in den anderen Regionen des Landes niederzulassen. Die mangelnden Zukunftsperspektiven bekommen vor allem die Kinder und Jugendlichen zu spüren, die 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Fehlende Bildungsmöglichkeiten und geringe Zukunftsperspektiven sorgen dafür, dass viele junge Menschen in das kleinkriminelle Milieu abrutschen oder zu Handlangern von Drogenhändlern und Paramilitärs werden, deren Präsenz sich in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend erhöht hat.
Ölpalme
In Kolumbien wurde die Ölpalme 1932 erstmals eingeführt, in den 1950er Jahren begann der großflächige Anbau und die kommerzielle Nutzung und in den letzten Jahren die stetige Ausdehnung der Plantagen. Aus der Ölpalme können die höchsten Erträge aus Ölsaaten erreicht werden, es macht den Anbau so lukrativ. Bekannt ist die Ölpalme aus der Gewinnung von Biodiesel, aber auch in der Kosmetik- und Chemieindustrie. Während des Plan Colombia, dem Militärplan der Regierung Kolumbiens unter Hilfe der USA und EU, wurde die Ölpalme als Alternativpflanze zum Kokaanbau favorisiert. Doch für die Kleinbauern ist die Ölpalme keine Alternative geworden. Im Chocó gehören die riesigen Anbauflächen lediglich einer Handvoll Unternehmen. Und die Bauern selbst haben schlichtweg nicht die Flächen, Gelder und Ausrüstung, um ihren Lebensunterhalt davon bestreiten zu können. Ganz im Gegenteil, oftmals müssen sie sich den Interessen der Großgrundbesitzer und Unternehmen unterordnen. Die Bauern werden vertrieben und auf den illegal erworbenen Flächen schützen nun staatliche oder paramilitärische Kräfte die Plantagen.
Koka
Koka wird aufgrund der ökonomischen und geografischen Bedingungen in vielen Regionen des Landes, so auch im Chocó. Den Bauern bietet sich oftmals keine andere Möglichkeit des Überlebens, als Koka anzubauen oder sich den Gegebenheiten der paramilitärischen Gruppen unterzuordnen. So hat der zunehmende Kokaanbau weitreichende Folgen für die Landbevölkerung. Die Regierung nimmt dies immer wieder zum Anlass, um Besprühungen aus der Luft durchzuführen. Zum Ziel haben diese offiziell, die Planzungen zu vernichten, nebenbei soll aber auch die Bevölkerung eingeschüchtert und vertrieben werden. Mit dem Besprühen des Pflanzenvernichtungsmittels Roundup werden pro Hektar Kokapflanzungen auch 20 Hektar Regenwald oder Felder zerstört, zudem wird das Trinkwasser verseucht und Erkrankungen der Haut, Augen und Atemwegsorgane provoziert. Mit den Freihandelsverträgen wird sich die Situation der Bauern nicht ändern, denn der Zugang zu den nationalen und internationalen Märkten ist den Bauern verschlossen und mit den Billigimporten von Agrarprodukten wie Mais und Getreide aus den Industrieländern können sie nicht konkurrieren. Dabei sind die Bauern die kleinen Fische im Koka-Geschäft, die dicken Geschäfte werden in Europa und den USA gemacht.
Megaprojekte
Auch die Megaprojekte der Regierung sind eine Bedrohung für die Bevölkerung im Chocó. Unter den Megaprojekten werden sowohl die Erschließung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen als auch überdimensionale Infrastrukturprojekte impliziert. Zum einen planen transnationale Konzerne die Förderung von Erdöl bei den zu vermuteten Vorkommen im Chocó. Auch der Bergbau soll weiter ausgebaut werden. Zum anderen geistern immer noch Pläne der Regierung rum, zwei verschiedenen Transporttrassen im Chocó zu bauen. Hierbei geht es um den Lückenschluss der Panamerikana zwischen Panama und Kolumbien und um einen trockenen Kanal, der von der Karibik- bis zur Pazifikküste führen soll und dem Panamakanal Konkurrenz machen soll. Nicht nur, dass durch die Bauvorhaben das Ökosystem und die Lebensgrundlage der Bauern vernichtet werden wird, die Landflächen, auf denen die Trassen verlaufen sollen, steigern immens ihren Wert und Grundstückspreis. Regierung, Konzerne und Paramilitärs wollen sich schon jetzt diese Flächen sichern und bedrohen und vertreiben die Bevölkerung.
Widerstand und Tradition
Doch es gab und gibt auch Widerstand gegen Ausbeutung, Landraub und Vertreibung. Die Tradition des Widerstandes im Chocó ist alt und beginnt bei den Indigenen im Kampf gegen die Spanier und hat bereits beim Widerstand der afrikanischen Sklaven gegen die Spanier einen großen symbolischen Stellenwert errungen. Die Sklaven, die den Spaniern dienen mussten, flohen und bildeten in den entlegenen Regionen Wehrdörfer, in denen Indigene und afrikanische Sklaven zusammen lebten und der spanischen Herrschaft trotzen. Als ein bekanntes Wehrdorf gilt Palenque del Baudó, welches fast 50 Jahre bestand. Im Sinne dieser Tradition sind heute auch die verschiedenen Friedensdörfer und Gemeinden der Selbstbestimmung im Chocó zu sehen. Bäuerliche, afrokolumbianische und indigene Vereinigungen, Gewerkschaften und Guerillagruppen zeigen verstärkt Menschenrechtsverletzungen und ihre prekäre Situation auf, stehen dabei aber immer im Fokus von staatlichen Sicherheitskräften, Staatsanwaltschaft und paramilitärischen Gruppen, weil sie als politischer Arm der FARC-EP diffamiert werden.
Mit den Waffen um gehört zu werden
Dass der Chocó zu den vergessenen Regionen gehört, merken die Menschen in ihrem alltäglichen Kampf für Gerechtigkeit und ein besseres Leben. Bogotá ist weit weg und die Stimmen der sozialen und aufständischen Bewegungen werden nur selten gehört. So bleibt den Chocoanern oftmals nur der Weg durch außergewöhnliche Aktionen und Vernetzung mit anderen nationalen und internationalen Bewegungen. Erst im Februar wurde durch die FARC-EP ein bewaffneter Streik durchgeführt, um auf die humanitäre Krise, den Landraub und die Plünderung der natürlichen Ressourcen bei der Fischerei, im Bergbau-, Energie-, und Holzsektor durch ausländisches Kapital sowie um auf ihren Widerstand gegen die Korruption und den Terror aufmerksam zu machen. Dazu sollten einige Tage der Transport in das Nachbardepartement Risaralda und das öffentliche Leben still gelegt werden. Außerdem wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass der Transport von staatlichen Sicherheitskräften in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht geduldet wird und dies ein Verstoß gegen internationales Menschenrecht ist.
Guerilla
Die FARC-EP jedoch ist noch gar nicht so lange im Chocó präsent, wie man das vermuten könnte. Erst Ende der 1980er Jahre wurden die ersten politisch-militärischen Strukturen geschaffen. Unterstützung bekamen sie aus dem Osten von der Fünften Kampffront, die in Antioquia und Urabá aktiv ist und von der lokalen Bevölkerung. Zwischenzeitlich waren im Chocó, der zum Bereich des militärischen Blocks Iván Ríos (ehemals nordwestlicher Block) der FARC-EP gehört, mehrere Kampffronten der FARC-EP aktiv, darunter die 34., 47., 51. und die bis heute in der Region verankerte 57. Kampffront. Mit dem Eindringen von Militärs und Paramilitärs in den Chocó, mit dem Foltern und Ermorden von AnhängerInnen und Sympathisanten der Guerilla und ihrer nahestehenden Organisationen und mit der Verschärfung der sozialen Problematik wird auch die Guerilla nicht die Waffen niederlegen und so lange kämpfen, bis die Bedingungen und Möglichkeiten Frieden, Gerechtigkeit und politische Teilhabe erlauben.
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Zum Interview mit Tanja/Alexandra

Tanja Nijmeijer, die Guerillera aus den Niederlanden, die unter dem Namen Alexandra in der  FARC-EP kämpft, gehört bei ihrer Teilnahme zu den Friedensverhandlungen in Kuba zu den meistgefragten Interviewpartnern der kolumbianischen und internationalen Medien. Obwohl sie wiederholt die Verleumdungskampagnen und Fehlinformationen der Medien, nicht nur über sich selbst, sondern auch über die FARC-EP als politisch-militärische Organisation, anprangert, so ist sie sich dem Interesse über ihre Persönlichkeit und ihr Leben in der Guerilla natürlich bewusst und nutzt die ihr gegebenen Möglichkeiten,  um Vorurteile auszuräumen und über die aufständische Bewegung aufzuklären.
Vor drei Monaten hatte Alexandra die Möglichkeit, aus ihrer Illegalität des kolumbianischen Kampfes ein Teil der Verhandlungsdelegation der FARC-EP in Kuba zu sein. Es sei für sie eine große Umstellung gewesen, zwischen dem Leben in Kolumbien und dem Leben in Kuba. In Kuba ist sie mit Autos, Lärm und den täglichen Umgang mit der Presse konfrontiert. Aber in gewisser Weise sieht sie es als das Gleiche an, dort ein Krieg mit militärischen Mitteln und in Kuba ein Krieg auf der politischer Ebene. An beiden Fronten gibt es Scharfschützen und man muss reagieren, um nicht getötet zu werden. Dies bezieht sich sowohl auf die militärischen Auseinandersetzungen, als auch auf die politischen, denn seitens der Presse wird viel Druck aufgebaut. Den Medien fehlt der Kompromiss für den Friedensprozess, sagt sie. Die kolumbianische Presse könnte eine wichtige Rolle bei der Unterstützung in den Verhandlungen spielen und die Menschen davon überzeugen, dass der Frieden in Kolumbien erforderlich ist. Doch oft ist das Gegenteil der Fall. Als Beispiel nimmt sie die Gerüchte vom Zerfall der FARC-EP und dass die Guerilla keine Einheit mehr sei. Immer wieder wurde berichtet, dass der militärische Südblock nicht mit den Verhandlungen einverstanden sei. Doch in der Guerilla gibt es eine einheitliche Führung und alle verpflichten sich, den Prozess zu unterstützen.
Über Alexandra als Frau weiß man sehr wenig, stellt die Journalistin fest. Auf die Frage, ob sie das als das hübsche Gesicht der FARC-EP missbraucht wird, stellt sie fest, dass das Schönheitsideal in der Guerilla nicht zählt. Das schönste was sie hat, ist ihr Gehirn. Das vom Kapitalismus aufgezwungene Schönheitsideal von 90-60-90 spielt in der FARC-EP keine Rolle. Die meisten Kämpferinnen kommen vom Land, dort gelten wohlgenährte Frauen oftmals als hübscher. Alexandra kommt aus den Niederlanden, ein Land, das sich in den letzten Jahrzehnten dafür engagierte, durch Dialoge die Konflikte zu lösen. Wieso dachte sie nun sei es besser, mit Waffen für ein besseres Land zu kämpfen? Als sie nach Kolumbien kam, interessierte sie sich für die Politik. Sie verstand schnell, dass es für die Kolumbianer keine andere Möglichkeit gab, als zu den Waffen zu greifen und damit wollte sie sich solidarisieren. Da änderte es nichts, dass sie aus Europa kam. Mit Waffen zu kämpfen ist nicht der beste Weg, aber der kolumbianische Staat ließ keine andere Option.
Die Journalistin spricht weiter die Rolle der Frauen an. In der Delegation der Regierung gibt es nur wenige Frauen und sie fragt Alexandra, ob es ein Spiegelbild des Landes und der Guerilla ist. Darauf antwortet sie, dass 51 Prozent der kolumbianischen  Bevölkerung Frauen sind. Sie betrachtet sich als ein Teil des Landes und der Guerilla, die Frauen zu repräsentieren. Die Delegation der FARC-EP versucht die Stimmen der Frauen zu hören. Sie hat den Eindruck, dass sie ihre Rechte in den Foren und den Vorschlägen mit einbringen. In der Guerilla muss man nicht um Erlaubnis fragen, wenn man sich verliebt und man kann als zusammenleben. Allerding hat man immer die Verpflichtung für das Land und ihre Leute. Wenn also eine Mission ansteht, dann muss diese auch gemacht werden. So ist sie aktuell von ihrem Partner getrennt, um in Kuba mit der Regierung zu verhandeln, diese Kompromisse muss man eingehen, wenn man der Guerilla beitritt. Sie kommt aber auch darauf zu sprechen, wie groß die Unterschiede zu den Niederlanden sind. Der Machismo in der kolumbianischen Gesellschaft ist schrecklich und in der Guerilla, die ein Teil der Gesellschaft ist, ist er auch vorhanden. Auch, dass man in der Guerilla keine Kinder haben darf, versteht sie. Dies wird auch mit dem Eintritt in die FARC-EP deutlich gemacht. Ein Kind in einem Krieg ist unverantwortlich. Wenn eine Guerillera ein Kind bekommt, dann muss sie die Guerilla verlassen. Aber dort können sie verhaftet werden und die Kinder werden später stigmatisiert. Natürlich denkt Alexandra daran, mal ein Kind zu haben. Aber das Kind soll in einem Umfeld des Friedens groß werden und dafür kämpft sie.
Am Ende wird sie gefragt, wie sie die Zusammenhänge zwischen Entführungen und Drogenhandel mit der Guerilla sieht, die für große Teile der radikalen Linken nicht vereinbar sind. Es sind jene Fragen, auf die die Vertreter der Guerilla genervt reagieren. Sind es doch regelmäßig Versuche, die Guerilla zu delegitimieren. Sie betont, dass im Februar letztes Jahr die Entführungen auf ökonomischer Basis eingestellt wurden. Die FARC-EP war auch immer bemüht, Alternativen zum Drogenanbau vorzuschlagen, aber man darf auch nicht die Augen vor der Realität auf dem Land verschließen. Hier erwähnt sie die Besteuerung von Koka. Worüber man jedoch fast nie spricht, ist die Beteiligung von Akteuren aus der kolumbianischen Regierung im Drogenhandel.
Schlussendlich sagt sie, würde sie den Kampf mit Waffen auch in anderen Ländern führen. Kolumbien und Lateinamerika sind aufgrund des Reichtums und der natürlichen Ressourcen ein Zentrum im Kampf gegen den Kapitalismus. Um die Welt zu verändern muss man das System verändern, und sie fängt in Kolumbien an.
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