Über den Aufbau der territorialen Kontrolle der aufständischen Bewegung FARC-EP wird immer wenig in der Öffentlichkeit bekannt. Aktuell wird dies jedoch in der Provinz Huila thematisiert, da die FARC-EP mit ihrem politisch-militärischen Block „Jorge Suárez Briceño“ unter dem Oberkommando von Iván Mordisco in den nördlichen und östlichen Teil der Provinz drängt. Hier soll der Aufbau einer neuen Front mit dem Namen „Darío Gutiérrez“ unter dem Kommando von „Cipriano Cortés“ und „Eduardo“ geschehen. Bereits vor dem Friedensabkommen von 2016 war hier die FARC-EP präsent, damals vor allem mit der 17. Front „Angelino Godoy“, die dem östlichen Block der FARC-EP untergeordnet war. Der Name der neuen Front ist in Erinnerung an den ehemaligen Kommandierenden des Zentralstabs des östlichen Blocks gewählt worden.
Das vorrangige Ziel der damaligen 17. Front und der heutigen Front Darío Gutiérrez ist neben der territorialen Kontrolle eine größeren Gebietes die Schaffung und Sicherung eines strategischen Korridors zwischen den beiden großen politisch-militärischen Blöcken der FARC-EP im Osten und im Westen des Landes. Dieser Korridor soll die Verbindung zwischen den von der Guerilla mit ihren Fronten 1 und 7 kontrollierten Provinzen Caquetá, Guaviare und Meta über die hier gelegenen Provinzen Huila und Tolima mit den im Westen gelegenen Provinzen Cauca und Valle del Cauca, wo die Einheiten des Westlichen Koordinationskommandos aktiv sind, darstellen.
Ein Korridor bedeutet, dass hier eine Verbindung zwischen starken Gruppierungen der Guerilla geschaffen wird, in denen sich Einheiten und Verbindungsleute relativ sicher bewegen können. Es bedeutet, dass die faktische Kontrolle der Guerilla hier alle potenziellen Bewegungen des Feindes kennt und es mit der Struktur von Milizionären auch ein gutes Überwachungssystem gibt. Hierüber laufen die Kommunikationskanäle, aber auch der Austausch von Kämpfern, Material und anderen Dingen.
Um die Kontrolle aufzubauen, werden sogenannte Kommissionen eine Guerilla in die Gebiete geschickt. Diese Kommissionen sind kleinen Einheiten aus Guerilleros, die sich in der Umgebung umschauen, Kontakt zur Bevölkerung herstellen und im besten Fall schon auf ein kleines Netz von Informanten, also Milizionären, oder auch Sympathisanten treffen. Es sieht so aus, als ob vier Kommissionen gebildet wurden, die mit dem Aufbau der politisch-militärischen Arbeit befasst sind. So ist die Front Darío Gutiérrez in eine Kommission unterteilt, die in Vegalarga (Großgemeinde Neiva) präsent ist, eine weitere in San Andrés (Tello), eine dritte in der Region Las Perlas-Río Claro (Baraya) und eine vierte Kommission in der Gemeinde Colombia im Norden.
Die politisch-militärische Arbeit beginnt mit dem Einberufen der lokalen Bevölkerung und ihrer Vertreter. In diesen Versammlungen, an denen häufig die Kommandierenden einer Struktur und die politischen Verantwortlichen der Guerilla teilnehmen, werden die Regeln des Zusammenlebens in Gebieten der Guerilla erklärt. Dies bedeutet zum Beispiel das Anmelden von Besuch, das Verbot der nächtlichen Mobilität, das Verbot des Konsumierens von Drogen bei Minderjährigen, die Sauberkeit in den Orten, Umweltschutz und Verbot des Baumfällens sowie auch freiwillige Arbeitseinsätze der Bevölkerung, zum Beispiel beim Ausbessern der Straßen. Auch ein juristisches System wird etabliert und kriminelle Handlungen sanktioniert.
Des Weiteren wird den Händlern und Industriellen der Region eine Revolutionssteuer auferlegt. Dies betrifft Personen mit einem bestimmten Jahresumsatz und vor allem Leute, die einen Vertrag mit der Regierung abgeschlossen haben, die häufig Aufträge an regionale Firmen und Personen abgeben. Da hier oftmals hohe Summen und viel Korruption im Spiel sind, findet hier eine Besteuerung von sechs Prozent der Auftragssumme statt. Der in den Treffen anwesenden lokalen Bevölkerung und ihrer Vertretung, der kommunalen Aktionsräte, werden die Regeln des Zusammenlebens verdeutlicht. Hier hatte die Front Darío Gutiérrez eine Handlungsanweisung von sechs Seiten.
Laut Augenzeugen bestanden die Kommissionen bei den Treffen aus rund 50 Kämpfern der FARC-EP, die bewaffnet und in Uniform auftraten. Sie sollen vor allem aus den Gebieten kommen, in der die FARC-EP schon mit ihrer 1. und 7. Front die territoriale Kontrolle ausübt. So fanden erste Treffen ab dem 1. April mit den kommunalen Aktionsräten aus dem Osten der Gemeinde Neiva, aus San Antonio de Anaconia und den Gebieten von Tello, Baraya und Colombia statt. Am 7. April trafen sie sich mit Geschäftsleuten aus der Region San Antonio, Vegalarga, San Andrés (Tello) und anderen kleineren Orten. Am 9. April gab es ein Treffen mit der Bevölkerung in dem Dorf La Libertad.
Vereinfachend für die Guerilla kommt hinzu, dass es nur kleinere Strukturen der FARC-EP, Zweites Marquetalia, und der ihr alliierten ELN gibt, also den potenziellen Rivalen. Das Dokument der Regeln des Zusammenlebens wird in den sozialen Netzwerken gestreut, hinzu kommen Graffitis und die aktive Präsenz der FARC-EP, nicht nur bei den Versammlungen, sondern auch durch Straßenkontrollen. An diesem Beispiel in der Provinz Huila kann man also deutlich erkennen, wie der Aufbau der politisch-militärischen Strukturen der FARC-EP ausschaut. Eine Festigung der Strukturen vor Ort ist jedoch erst mit dem Schaffen von lokalen Zellen wie Milizionären oder Mitgliedern der Klandestinen Kommunistischen Partei (PCCC) abgeschlossen.
In einem Kommuniqué der FARC-EP, Zweites Marquetalia, die unter dem Kommando von Iván Márquez steht, hat diese aufständische Organisation die Wiedergründung der 53. Front angekündigt, die vor allem in der Subregion Sumapaz aktiv sein wird. Das Operationsgebiet sollen die Provinzen von Cundinamarca, Meta und auch Vichada sein. Die 53. Front wird den Namen des im Kampf gefallenen Kommandanten Edison Romaña tragen, der im Dezember 2021 zu Tode kam und im Operationsgebiet der neugegründeten 53. Front sein Wirken hatte.
Nach dem Plenum der Kommandierenden des Zentralen Generalstabs der FARC-EP in den Ebenen des Yarí, Provinz Caquetá, sind nun die Namen der Kommandierenden bekannt, die für die FARC-EP am Verhandlungstisch mit der kolumbianischen Regierung teilnehmen werden. Über die fünf Personen ist bis dato recht wenig bekannt, wie überhaupt zur Kommandoebene der FARC-EP und ihren Strukturen. Dies hängt damit zusammen, dass zum einen die Guerilla erst seit relativ kurzer Zeit aktiv ist und ein Teil der Kommandierenden und Kämpfer als neue und junge Personen zur Guerilla dazugestoßen sind. Teilweise waren sie in der „alten“ FARC-EP als Milizionäre tätig. Daher gibt es wenig Kenntnisse, auch von Seiten der Geheimdienste, zu ihnen. Zum anderen ist die kommunikative Ebene der FARC-EP auch erst im Aufbau und mit den Ankündigungen zum Friedensprozess seit dem letzten Sommer ein stetiges Wachstum im Nutzen der Medien auf allen Ebenen zu erkennen.
Der öffentliche Auftritt des Zentralen Generalstabs der FARC-EP, die öffentliche Versammlung mit tausenden von Personen aus allen Landesteilen und die Verkündung von Friedensgesprächen im Mai sorgte für großes nationales und internationales Aufsehen. Bisher wurde die Guerilla unter dem Oberkommando von Iván Mordisco vor allem als kriminelle Struktur abgetan, die kaum etwas mit der „alten“ FARC-EP gemein hatte, die im Jahr 2016 das Friedensabkommen nach dem Prozess in Havanna mit der Regierung von Santos unterzeichnete. Doch wie wir bereits in Artikeln zuvor analysierten, zeigen die letzten Monate eine andere Richtung der Guerilla, die man nun als politischen Akteur anerkennen muss und die die potenziellen Friedensgespräche für ihren eigenen Wachstum nutzen.
„Wir sehen mit großer Sorge die jüngsten Erklärungen des Präsidenten der Republik, Gustavo Petro Urrego, wonach er den Truppen befiehlt, auf nationaler Ebene auszuschwärmen, ohne zu berücksichtigen, dass wir uns in einem bilateralen Waffenstillstand befinden“, heißt es in dem Kommuniqué der FARC-EP des Zentralen Generalstabs vom gestrigen 14. April. Und weiter: „Diese Situation führt dazu, dass es unmöglich ist, die bilateralen Waffenstillstandsprotokolle aufrechtzuerhalten, da unsere Einheiten in den letzten Tagen von verschiedenen Einheiten der Nationalen Armee belagert wurden und es so weit gekommen ist, den Waffenstillstand an einigen Stellen der nationalen Geographie durch die Streitkräfte zu brechen.“
Wie wir in dem Artikel vom 12.04.2023 zur Freilassung des Mitarbeiters aus des kolumbianischen Gefängnissystems in der Provinz Valle del Cauca bereits schrieben, hatte die Festnahme zwei Komponenten. Die Guerilla erlaubt es keinen Fremden in ihrem Gebiet unterwegs zu sein, weil sie Informanten der staatlichen Sicherheitskräfte oder anderer bewaffneter Organisationen sein können. Und zum anderen handelte es sich bei der festgesetzten Person um einen Mitarbeiter des Gefängnissystems, welches systematisch die Menschenrechte von Inhaftierten außer Kraft setzt.
Der Zentrale Generalstab der FARC EP, der sich aus der alten FARC-EP im Rahmen des Friedensabkommens herausgelöst hat, wird heute das Treffen ihrer Kommandierenden aus den verschiedenen Strukturen der FARC-EP, welches in der Gegend des Yarí in der Provinz Caquetá abgehalten wird, beenden. Bei dem Treffen soll der weitere Weg für die Friedensgespräche mit der kolumbianischen Regierung unter Präsident Petro besprochen werden. Die FARC-EP des Zentralen Generalstabs unter der Führung von Iván Mordisco hat mehr als 3000 Kämpfer und ist gesamten Territorium mit ihren Fronten und Strukturen präsent.
Nach einem Treffen zwischen Regierungsbeamten, darunter dem Präsidenten Gustavo Petro, und Friedensunterzeichnern der ehemaligen FARC-EP in der letzten Woche wurde vereinbart, dass die Familien und Personen in der Wiedereingliederungszone Mariana Páez bleiben können, die sich in der Gemeinde Mesetas in der Provinz Meta befindet. So gibt es das Versprechen, das Land gekauft und weiter in die Infrastruktur investiert werden soll, damit sie dort endgültig bleiben können. Bisher gibt es eine Befristung von drei Monaten zum Bleiben der rund 200 Familien von ehemaligen Kämpfern.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat nach einer Friedensgeste der FARC-EP zwei Personen in Empfang genommen, die zuvor von der Front Carlos Patiño der FARC-EP aus dem Westlichen Koordinationskommando des Zentralen Generalstabs festgenommen worden waren. Die Freilassung fand in einer ländlichen Gegend der Provinz Cauca statt. Beteiligt an der Übergabe war auch die Ombudsstelle, die zudem mitteilte: „Wir haben an dieser Operation als neutrale Vermittler teilgenommen, in Übereinstimmung mit unserem Mandat, Menschen, die von bewaffneten Konflikten und Gewalt betroffen sind, unterschiedslos zu schützen und zu unterstützen. Wir danken den beteiligten Parteien, dass sie unsere Arbeit respektieren und unserer humanitären Arbeit vertrauen, um die Familienzusammenführung der freigelassenen Personen zu erleichtern.“ Die freigelassenen Personen waren bei guter Gesundheit.